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Interview

 

Gert Brantner (GB), Michael Stoiser (MS), Thomas Maitz nee Fink (TF(M)) und Oswald Berthold (OB) antworten schriftlich auf Fragen des Rockarchiv.
Erhalten per E-Mail am 14.4.2020

Unter welchen Bedingungen wurde die Band gegründet?

OB: Die Bandgründung war ein klassisches Teenagerprojekt. Ein starkes Interesse für Musik war bei allen Gründungsmitgliedern bereits vorhanden. Jeder von uns hatte zum Gründungszeitpunkt bereits unabhängig einen Weg in den Bereich jenseits des musikalischen Mainstream gefunden. Alle beherrschten grundlegende Spieltechniken auf verschiedenen Instrumenten.

TF(M): Ende der 80er Anfang der 90er gab es in Graz eine vergleichsweise umtriebige Punk- Kunst- und Kulturszene, viele junge Menschen spielten in Bands und hingen in Parks und Cafés der Stadt herum. Unter diesen Umständen hatte jeder von uns etwas musikalische Erfahrung gesammelt. Unser Zusammentreffen war so etwas wie ein glücklicher Zufall. Es war einfach da. Ohne viele Worte oder Zielsetzungen fand plötzlich dieser befreite und künstlerisch intime Austausch statt. Wir wurden beste Freunde, die sich alle Inspirationen teilten.

GB: Ein wesentlicher Faktor, der erwähnt werden sollte, war die Rolle unserer Eltern, die uns "im Hintergrund" sehr in unseren Unterfangen unterstützt haben. Alle haben zu einem Ausbau unseres Proberaums bzw. Studios zusammengelegt, den wir gemeinsam unternommen haben. Ich meine mich zu erinnern, dass wir es "Inner Loch" getauft hatten. Es befand sich in meinem Elternhaus, und trotz Herakustik Hängedecke kann man sich wundern, dass meine Eltern unsere teils enormen Geräuschentwicklungen so geduldig ertragen haben. Auch der Landsitz von Oswalds Eltern war einer jener Freiräume, die wir großzügiger Weise zur Verfügung hatten. Das muss dann das "Outer Loch" gewesen sein.

Gab's ein wichtiges/prägendes Umfeld oder eine "Szene" der ihr euch zugehörig gefühlt habt?

OB: Meiner Wahrnehmung nach eher nicht. Wir waren von kollektiven Songwritingmethoden auf Basis von Gruppenimprovisation begeistert. Außerdem fanden wir mehr oder weniger sofort den Ansatz von Produktion im komplett eigenen Studio faszinierend und verfolgten dass dann konsequent. Wir waren nie in einem externen Studio um was aufzunehmen und zu produzieren, unser Prozess war ziemlich hermetisch.

OB: Wir hatten über die Zeit neben dem Proberaum in Graz verschiedenste temporäre Retreat- oder Hackathon-artige Studio-Situationen, die ziemlich effektiv waren.

OB: Ab mittendrin hatten wir durchaus Kontakt zu mehr oder weniger gleichaltrigen anderen Bands und Musikern in Graz und Umfeld, sahen uns stilistisch aber ganz klar außerhalb dieser Szene. Später haben wir dann Schlauch kennengelernt, das war nat. ziemlich cool. Garfield's Master von unserem zweiten Album war dann auch der erste Ausflug in ein anderes Studio.

TF(M): In unserer Wahrnehmung gab es diese Szene wohl nicht. Unsere Auseinandersetzung war musikalisch sehr introvertiert und wir waren so sehr mit uns selbst beschäftigt, dass wir eine solche Szene erst über die Jahre bemerkt haben, womöglich als die Szene uns bemerkt hatte.

GB: Man könnte wohl sagen, dass wir unsere eigene, kleine Szene dargestellt haben. Die Besetzungen der Band haben sich mitunter geändert, und jeder hat etwas individuelles beizutragen gehabt. Dadurch resultierte wohl auch unsere Eigenständigkeit. Das "Spastic Brain Cookies for Breakfast Studio" und Schlauch an sich waren tolle Kollaborationen, wie auch die Zusammenarbeit mit der revolutionären und innovativen Videoband "fan", bestehend aus Eugen Danziger, Martin Heigl und Stefan Possert.

Gab sich die Band selbst eine Stil-Zuschreibung?

OB: eigentlich nicht, wir haben einfach losgelegt wie es uns grad so gefallen hat und haben das so beibehalten. Wenn eine Stil-Zuschreibung dann "experimental". Über die Zeit haben wir neben den zwei Alben einen Haufen weitere Stücke komponiert und aufgenommen, die Styles variierten dabei ziemlich stark. Irgendwann hab ich herausgefunden dass wir sehr "eklektisch" arbeiten.

MS: wir wurden oft nach unserem Stil befragt und es war immer eine Genugtuung, diesen nicht eindeutig klassifizieren zu können.

TF(M): Aus meine Sicht nein. Es war auch niemals meine Intention diesen zu finden oder einen solchen zu kreieren. Wir haben in uns hineingespielt und uns immer wieder mit den Ergebnissen auseinandergesetzt. Aus heutiger Sicht hat das Projekt in experimenteller Weise verschiedenste Stile wie Postrock, Postpunk und andere gestreift, das war mir damals aber nicht bewusst.

GB: Ich kann mich meinen MitstreiterInnen nur anschließen. Wir haben einfach gemacht, was wir wollten und gut fanden. Sich etwa "Grunge" unterzuordnen, war für uns schlicht zu langweilig.

Gab's "Vorbilder", andere Inspirationsquellen?

OB: ja sicher. Ein Grossteil davon waren schonmal starke individuelle Einflüsse. Ich persönlich wurde von Robert (Lepenik) damals mit King Crimson und CAN infiziert, was bis heute wichtige Referenzpunkte geblieben sind. Gert war denk ich großer Zappa Fan. Danach gings dann einfach munter weiter mit dem Kennenlernen verschiedenster Künstlerinnen, Laurie Anderson's Big Science hat wie ne Bombe eingeschlagen, das hat Tomi angeschleppt, Brian Eno / David Bowie war auch irgendwann bekannt, später fanden wir dann Godflesh und Scorn ziemlich gut. Darüber hinaus haben wir kollektiv ziemlich viel diverse Musik angeschleppt und gehört. Irgendwann kamen wir dann über die aufkommende Raveszene in Berührung mit Techno und Drum & Bass.

OB: Ausserhalb der Musik waren wir große Sci-Fi Fans, am wichtigsten vl. Philip Dick, Ballard, Lem, und so und wir waren große Filmfans. Alles außerweltliche, fremde, abstrakte, dystopische etc war für mich das Material aus dem das Plazma Universum entstand.

TF(M): ja unendlich viele und aus allen Genres. Das war das Großartige, wir waren so unterschiedlich beeinflusst und konnten das alles ohne jede Schwierigkeit miteinander verarbeiten. Ich persönlich fand David Peel & the Apple Band, Can, Laurie Anderson, später Helmet oder the Residents sehr wichtig. Aber auch außerhalb der Musik wurden wir von der Telefonzelle bis hin zur Reparaturanleitung nahezu von allem inspiriert.

GB: Ja, ich war, und bin immer noch, Zappa-Fan. Im Lauf der Zeit habe ich aber zu seinen späteren, experimentellen Werken tendiert. Seine Synclavier-Alben wie z.B. "Jazz from Hell" haben mich sehr fasziniert. Aber generell habe ich den musikalischen Geschmacks-Austausch und die Diskussion unter uns sehr genossen. Da gab es enorm viel Input, es war eine Art kultureller "Melting Pot". Ich erinnere mich immer noch sehr lebhaft an den Tag, an dem Oswald mich gefragt hat: "Kennst du CAN"? Das war im Rückblick für mich sehr Entscheidend, es ging dabei weniger um den musikalischen Einfluss, aber mehr um die Arbeitsweise, die man grob als Punk-Attitüde umschreiben kann, das "Selber-Machen".

Wo/Wann waren für euch wichtige Konzerte oder andere Highlights in eurem Bestehen?

OB: Fast jedes einzelne Konzert war irgendwie wichtig, ein Highlight war als Warmup für die Melvins in Graz im Teatro, 92/93. Die Melvins kannte ich vorher auch nicht. Ein Konzert in Kapfenberg hab ich als ziemlich gut in Erinnerung. Unser letztes Konzert als Vorband für Fetish (69) in der Arena in Wien war sicher das mit dem größten Publikum.

TF(M): Alle waren cool, das vermutlich schrägste in der klitzekleinen Bar NOVI SAT in Kapfenberg. Da gabs Platz für vielleicht 5 Zuhörer, also wir selber. Immerhin haben wir da 2x performt.

MS: Anm. das letzte Konzert war im Forum Stadtpark in Graz

GB: Ich erinnere mich sehr gerne an unser Konzert beim "Zeichensaalfest", einer innovativen kulturellen Erfindungen der damaligen Zeit.

Warum hat sich die Band aufgelöst?

OB: aus meiner Sicht haben wir uns nie aktiv aufgelöst sondern irgendwann halt festgestellt dass nichts mehr stattfindet. Ich bin 1994 von Graz nach Wien umgezogen, wir konnten nicht mehr proben, relativ bald entstand dann farmersmanual, was schnell Fahrt aufgenommen und sich im Wesentlichen verselbständigt hat.

MS: als plazma haben wir den Sprung ins digitale Zeitalter leider gerade nicht mehr geschafft und konnten Möglichkeiten wie FM4 Soundpark, etc. nicht nützen, um eine breiteres Publikum zu erreichen.

TF(M) plazma hat sich gar nicht aufgelöst. Aber es fand dann einfach nicht mehr statt, und die letzte große Arbeit wurde einfach nicht veröffentlicht. Gert und Oswald kooperieren ja nach wie vor künstlerisch in Berlin, Mitch und ich als CAFÈ WOLF in Graz, auch Hannah ist in Graz. Ich fühle mich noch immer sehr verbunden und wir sind in gutem Austausch miteinander. So gesehen ist plazma nur unsere gemeinsame musikalische Vergangenheit während einer wunderbaren Freundschaft. Musikalisch habe ich für mich Wesentliches durch plazma erfahren, aber das gegenseitige Interesse ist noch immer da, also wer weiß?

GB: Dito, und auch nicht dito. Ich empfinde, das plazma nur schläft, und dabei lebhaft träumt. Das digitale Zeitalter hatten wir schon ansatzweise betreten, indem wir DAT-Recorder, C64- und Atari-basierte Sequencer, einen Roland D50 Synthesizer und diverse digitale Effektgeräte eingesetzt haben. Gerade das DAT-Format ermöglicht es uns, unser zweites Album jetzt, nach nur 25 Jahren Reifezeit zu veröffentlichen. Es klingt nach wie vor sehr unique und frisch. Die Band-Geschichte war und ist eine sehr verzweigte. Als einen neu gewachsenen Ast kann man farmersmanual betrachten. Ist ja auch nur ca. 20 Jahre her.. Man kann sagen, nicht wir haben die Bands gegründet, sondern die Bands uns.

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