Rocker im Internet

CA6

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Interview

 

ERINNERUNGEN


Roswitha Skok:

Da tat sich für mich als 14Jährige eine völlig neue Welt auf; Aufbruchsstimmung, Toleranz, die Flower-Power-Ära war spürbar - Woodstock passierte erst vor einem Jahr! Oft nur für 5 Minuten sausten wir nach der Schule ins CA6, um in dieses Flair einzutauchen und den Jungs bei ihren Gitarren-Sessions zu lauschen. Zu meiner Verwunderung wurden auch Bach-Stücke einstudiert. Und viele hießen damals Gerry! Peter Ratzenbeck und Rudi Schuhmann sah man oft mit ihren Gitarren Richtung Schlossberg-Pavillon ziehen.

Mein Highlight der Woche war Samstag Nachmittag die Disco im CA6-Keller. Die DJs Nikos Grigoriadis und Manfred Rausch legten die aktuellste Musik auf: Hendrix, Joplin, Doors, Cohen und ungewöhnlich lange Musikstücke, wie ‚Atom Heart Mother‘ (Pink Floyd, dauerte 24 Minuten) und In-A-Gadda-Da-Vida (Iron Butterfly, 17 Minuten). Bei ‚Lucky Man‘ von Emerson, Lake & Palmer, ‚Child in Time‘ von Deep Purple, ‚Hey Joe‘ von Jimi Hendrix, ‚Suzanne‘ von Leonard Cohen und ‚Lady in Black‘ von Uriah Heep war dann auch das aufregende „Eng-Tanzen" angesagt. ‚Room To Move‘ von John Mayall und ‚Indian Reservation (Cherokee People)‘ von  Paul Revere & The Raiders waren für mich CA6-Hymnen! Danach ging's zur Disco ins Orpheum und anschließend - hatte man noch genug Power - in die Keller-Disco der Pfarre St. Lukas. Und wenn heute Simon Pichler beim ‚Oldies-Clubbing ‚Smoke On The Water‘ auflegt, fällt mir noch immer das CA6 ein ...

An einem Sonntag hab‘ ich mit Manfred Rausch und meiner Schulkollegin Renate im CA6 das Kellergewölbe geweißelt. Manfred ließ an der Musik-Anlage 10x ‚Me And Bobby McGee‘ von Janis Joplin laufen - mit dieser musikalischen Untermalung ging dann alles ganz leicht von der Hand!

Mir ist noch in Erinnerung ein Live-Konzert der schrägen Freejazz-Band ‚10 vor 12‘ von Günter Meinhart (Wecker-Läuten kam da auch vor!) und das leider schon früh verstorbene Musik-Genie Harry Hirschmann, leidenschaftlicher Gitarrist, Querflötenspieler und Saxophonist. Den Proberaum hatten sie im Keller der Welschen Kirche am Griesplatz (die damals noch eine rote Fassade hatte), wo auch diverse Partys stattfanden - ‚Heart of Gold‘ von Neil Young fällt mir dazu ein.

Peter Glaser machte im CA6 schon in jungen Jahren mit seiner Lesung „Anleitungen zur Züchtung eines Hauses" auf sich aufmerksam. Und einmal war ich mit einer CA6-Crew bei einem unbeschwerten Winterausflug auf der Aflenzer Bürgeralm mit dabei.

Mir - und ich glaube auch den meisten anderen - war es unbegreiflich, als 1973 das Aus fürs CA6 kam ‚The times they are a-changin ...'

Nun konnte man sich nur noch privat oder in ‚Lokalen der Erwachsenenwelt‘ treffen, wie im Altwiener-Cafe Nordstern, im Schlössl, im legendären Lückl, im Krebsenkeller, im Winterbierhaus, beim coolen Jazz-Freddy, im Glockenspielkeller oder in der berüchtigten Weinstube Haring. In der verruchten Boheme mit der resoluten Wirtin Traude waren einige bunte Vögel von Graz anzutreffen, wie der steirische Literat Herwig von Kreutzbruck - in rotem Samt-Sakko und schwarzem Mascherl - und die schrägen Osteric-Brüder Wolferl und Rudi. Boogie wurde vor der Musikbox getanzt, wo es zu meiner Verwunderung auch Musik von Roxy Music gab. Und gute Pommes gab‘s im Spor-Buffet.

Bei einem CA6-Treffen vor einigen Jahren machte jemand den Vorschlag, wir sollten mit Transparenten „Wir wollen unser CA6 zurück!" vor der Albrechtgasse 6, dem ehemaligen CA6-Standort, einen Sitzstreik machen ;-) Dort ist jetzt aber leider eine Bausparkasse beheimatet...


Doris Fels:

Ob es Chevelles „Anarchia" war, die die Sit-Ins im Stadtpark organisiert haben, bei Regen im Pavillon, um mit Trommeln den Regen wieder zu vertreiben, deren politisches Engagement, mit viel theoretischem Diskussionsstoff, praktisch hauptsächlich darin bestand, Schwarzfahrer vor der Polizei zu retten - Aktivismus pur - nur einmal, als wir das Erzherzog- Johann-Denkmal am Hauptplatz, den offiziellen Treffpunkt, mit bunten Farben bemalt haben und ihm einen Steirer Hut aufsetzten, vielleicht gibt es in einem Zeitungsarchiv noch Fotos ...Oder unser Sepperl (Sepp Wurst), Jugendleiter mit Herz und Seele, wie es seines gleichen wohl nicht mehr gab und gibt, sein „Revolit", siehe beigefügte Karten - die Hüte sah man überall in der Stadt - erste Graffiti - „Besitz ist Diebstahl" hat er eher auf die prachtvollen Gebäude gemalt, die verschiedenen Funktionen „Revolitpoet", „Revolitmusiker" etc., wer was war, weiß ich leider nicht mehr, meine Funktion war mir auch immer unklar ... das tägliche Frühstück bei ihm mit Malventee und frischen Semmeln vor der Schule, nach der Schule ... Dani (Daniel Weiss) und ich kamen auf die Idee, ihm zum Geburtstag zwei weiße Mäuse zu schenken, die sich blitzartig vermehrten und einen ziemlichen Mief verbreiteten, so dass er sie täglich durch das Kosili-Schaumbad wandern ließ.

Als er wegen seiner realitätsfremden, pädagogischen Arbeit im C gekündigt wurde (so ähnlich war es doch, oder?) trafen wir uns in seiner Wohnung oder er kam ins C und arbeitete ehrenamtlich weiter und fürs nötige Kleingeld trug er Zeitungen aus.

Natürlich auch der FC Nordstern (Cafe), mit seinen „Cross

-Gileras"-Mopeds, der den Radius unserer Aktivitäten erweiterte mit Lagerfeuern in Burgen und Höhlen und einem angezündeten Floß, welches die Mur abwärts durch die Stadt trieb und Schaulustige sich an den Brücken versammelten.Nächtliche Sorger-Partys natürlich, ein Kindheitstraum für mich, in einer abgesperrten Konditorei alles probieren zu können, was es dort gab.

Manfred Rausch war nicht nur ein begnadeter Bob Dylan-DJ, sondern auch der beste rohe Eierwerfer auf Liebespaare am Schlossberg - dem vor Wut schäumenden männlichen Part des Paares zu entkommen, gehörte wohl zu seinem Spannungsabbau und unserer Unterhaltung.

Es gäbe noch ganz viel zu erinnern, das Lied „I bin a Grazer Gammler" - wer kennt das noch?
    

Xaõ Seffcheque:

„Was der Sängerin und dem Vitaminfreund das ‚Hohe C‘, der Ballerina der große Zeh, ist uns das gute, alte ‚C‘ ..."
Woran ich mich erinnere (Auswahl):
Das erste Mal war ich Herbst 1970 im ‚C‘ - da war noch Pater Muhri aktiv und hat mich wegen Dauerschmusens im Keller raus geschmissen.
Es gab einen Typen, dick, stark, brutal, aggressiv, Jungalkoholiker, genannt „Bierfassl", der auch gerne und zu oft ins ‚C‘ kam. Der konnte nur vom - leider verstorbenen - Sepp Wurst, dem Jugendarbeiter, der eine Zeitlang im Namen der Diözese im ‚C‘ arbeitete (Bernd Krajnc hat jede Menge Fotos) gebändigt bzw. beruhigt werden.

Und Gabi, meine erste große Liebe (heute Mutter von vier oder fünf Kindern und Lehrerin in Leibnitz), begegnete mir zum ersten Mal im ‚C‘. Das war ab dann auch unser Treffpunkt, bis ihre Mutter nach mehreren wunderschönen Jahren unsere junge Liebe jäh hintertrieb, als sie bemerkte, dass es ernst wurde. Sie fand mich „ ... nett, aber nicht als Mann für meine Tochter!"

Ebenso meine bis heute besten Freunde Peter Glaser, Reinhard Weixler, Fredi Ranner und Lugus. Zudem meinen langjährigen Mitbewohner Manfred „Intschi" Schratzberger (verschollen, womöglich verstorben), Peter „Pebblestone" Kiesel und die bezaubernde Astrid Busek (heute in England lebend), in die ich mich verliebte und sie sich in mich. Bis eine üble Brez‘n mit meiner Puch auf dem Rollsplitt das junge Glück schmerzhaft zerbrechen ließ. Und die Jungs, mit denen ich einige Zeit im Stiftingtal bzw. am Mariatroster Kirchberg wohnte: Kurt „Rufus" Quirin und Gerald Vidic.

Außerdem Manfred Rausch, der einzige Keller-DJ, der es schaffte, sechs Stunden nur Bob Dylan zu spielen. Schreiner Gerald, den flotten Gitarristen aus der Triester-Siedlung, mit dem ich einmal vor drei entsprechenden Burschen aus selbiger flüchten musste. An die schöne Uli Fabian, damals Freundin von Gerald Schreiner, den wir dafür alle beneideten.Adi  Pradler, dem größten Münchhausen, Pinocchio und sympathischen Schnorrer weit und breit,

Bernd Krajnc, der mit mir und Sepp Wurst nach Norwegen und Schweden per Autostop trampte, Mira Lennart (R.I.P.), die mit meinem Freund Peter Glaser brach, nur weil ich mit ihrer Freundin etwas angefangen hatte, die ganze „Nordstern"-Clique, zu der auch die beiden Söhne des Sorger-Imperiums Albin und Arthur („Bini" und „Archie") gehörten, und die in Nächten von Samstagen auf Sonntage schon mal die legendären Sorger-Parties schmissen, da sie die Schlüssel für das Lokal in der Sporgasse hatten, wo wir dann nächtens wild abfeierten ...

Oder aber das halbe ‚C‘ traf sich auf der alten Murinsel in Weinzödl, um rauschend-rauschige Feste zu feiern, nachdem wir es über eine Furt in der betonierten Schräge, über die die reißende Mur lief, auf die Insel geschafft hatten, während die Polizei am Ufer uns aufforderte, die Party zu beenden. Was wir stets ignorierten, auch weil wir wussten, dass die Beamten den Weg durchs Wasser nicht gehen wollten und regelmäßig gegen vier Uhr morgens deshalb auch aufgaben. Im Gegensatz zu uns!

Als ich dann mit 18 doch noch im Herbst-Termin die Matura schaffte, löste ich zusammen mit Sepp Wurst ein Gelübde ein: In einer Nacht, in 12 Stunden marschierten wir zu Fuß (über den Gamsgraben und den Gößgraben von Graz nach Leoben (72 km). Dort musste ich erst einmal meine Füße zwei Stunden im Hauptplatz-Brunnen kühlen, bevor wir für die Rückfahrt die ÖBB wählten.

Es gab Mädchen, mit denen wollte man nicht so gern gesehen werden, obwohl man sich mit ihnen traf. Man verabredete sich also heimlich im ‚C‘, um sich mit ihnen im „Café Thalia" zu treffen. Dort traf man allenfalls auch andere Paare, die auch nicht zusammen gesehen werden wollten und deshalb automatisch mit gegenseitigem Stillschweigen bedacht wurden.

„Mellow Yellow" bekam von P. Glaser eine feingeriebene Arabia-Kaffeebohne als Shit verkauft, rauchte das in einem selbstgedrehten Joint und formulierte wortgetreu: „Fah, Oida, des foaht aun - jetzt trink i no a Bier und dann geh i speib‘n!"

Ich erinnere mich an Peti Heidegger und seine wunderbare große Einrauch-Show mit viel Bambule und noch mehr Bom-Shankar, und an seine damalige Frau, die heute ein großes Taxi-Unternehmen leitet.
An den dicken Kuno, ebenfalls Sozialarbeiter im ‚C‘, der regelmäßig Encountings abhielt, die ich aber schon damals nicht so recht mochte.An den Fotografen Pego Gottwald, der als Erster nackte Teenager hoch aufgelöst ablichtete (gute Fotos).

An Dieter „Chevelle" Polic, der angeblich in 40 Sprachen den Gegenwert von damals drei Schilling schnorren konnte,

an Chris Scheuer, schon damals ein echtes Zeichen-Ass, dem nur manchmal das THC im Wege stand (oder es förderte ihn erst recht?).

An Christian „Quasi" Qualtinger, Sohn des Genies, der uns im ‚C‘ besuchte und für meine erste eigenständige Wien-Reise verantwortlich zeichnete.
Und natürlich an Pater Karl Maderner, den Spiritus Rector des Ganzen. Gerne in Soutane, selten in Zivil.
          

Brigitte „Gitti" Soltys:

Da meine Eltern das CA6 für mich zur „Verbotszone" erklärt hatten, musste ich auf meinen Stundenplan für die Schule Extrastunden draufschwindeln. So hatte ich mir ein Stück Freiheit geschaffen und konnte in Ruhe mit FreundInnen dort „abhängen" oder in der Disco im Keller tanzen.Es wurden aber von Seiten des kirchlichen Leiters auch Aktivitäten angeboten, wie z.B. die Aufführung eines Theaterstücks, an dessen Titel oder  Inhalt ich mich aber nicht mehr erinnere. Ich weiß nur, dass es eine Szene mit einem Toten gab, den H.P. zu spielen hatte und den er nicht sehr überzeugend rübergebracht hatte, weil er dabei von einem Lachanfall erfasst wurde.

Für mich war das CA6 schon irgendwie eine zweite Heimat, ein wichtiger Treffpunkt für junge Leute, die dort „ihre" Musik hören und Gleichgesinnte treffen konnten.


Thule G. Jug:

Das CA6 war eine prägende Einrichtung in meinem Leben und ich bin den Verantwortlichen heute noch dankbar für ihren Mut, sich mit uns einzulassen.
             

Erich Bauer „Kuglmattn":

Der Club Albrechtgasse 6, kurz CA6, war damals für meine Horizonterweiterung eine echte Bereicherung. Ein Treffpunkt, offen für ein neues Selbstbewusstsein und ein neues Werteverständnis unserer Generation, ohne wirtschaftliche und kommerzielle Interessen. Trotz relativ kleiner Räumlichkeiten war Platz für ein friedliches Nebeneinander vielfältiger kultureller Interessen. Man versuchte alles, was damals in der Folk-, Blues-, Rock- und Jazz-Musik gerade aktuell war, nachzuspielen. Viele der legendären Stars der steirischen Popmusik waren in ihren jungen Jahren im CA6 anzutreffen. Ich lernte hier die ersten Bluesriffs auf der Gitarre und erlebte wunderbare Jam Sessions. Es gab auch eine junge Gruppe ambitionierter Schriftsteller, die hier ihre ersten Werke vorstellten. Ich erinnere mich auch gerne an die Wortgottesdienste mit anregenden Diskussionen über Gott und die Welt. Und im Keller gab es immer Musik vom Feinsten zu hören.
                   

Wolfgang Simon Pichler:

CA6 - Eine Community, die wichtiger für mich war als meine Schulklasse oder meine Verwandtschaft.

 

 

 

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