Rocker im Internet

Portnoy

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Bandgeschichte

 

Graz

seit 1981

Anne Weinhardt: Schlagzeug
Albi Klinger: Bass
Heimo Mitterer: Bass, Gesang, Gitarre, und sonstige Instrumente
Harald „Harro" Werth: Keyboards
Marcus Heider: Gesang, Gitarre
Norbert Wally: Gesang, Gitarre
Rainer Binder-Krieglstein: Schlagzeug (1990-1996)



1980
Über allen Wipfeln ist Ruh'

Das Bier im Weißen Rössl am Grazer Lendplatz kostet, aus heutiger Sicht, schlappe 13 Schilling. Heimo Mitterer wäscht sich noch mit Kernseife, weil die am billigsten ist. In Graz fahren noch Busse, deren Flügeltüren sich nicht automatisch wieder öffnen, wenn man mit den Fingern dazwischen kommt...

Die Grazer Musikszene hängt in den Seilen, schwer angeschlagen von den hammerharten Fausthieben der allmächtig regierenden Jazz-, Heavy Metal- und Musikantenstadl-Mafia. Man praktiziert wenig inspirierende Virtuosität, hochnotpeinliches Kopistentum und anbiedernde Volkstümlichkeit. Erstarrung allerorten. Heimo Mitterer hört Return To Forever, Weather Report und Gato Barbieri...


1981
Birds of a feather flock together

FM4 gibt es noch nicht, dafür die Musicbox. Internet gibt es auch noch keines, dafür Spraydosen und Tafelkreide - und bei der Fußball-WM den legendären und skandalösen bilateralen Fairnessverrat von 22 sportlichen Ganoven beim 1:0 zwischen Österreich und Deutschland. Mitterer steigt mit nur einem Nicht Genügend in die 8. Klasse auf und leistet sich seine erste Camay-Cremeseife.

Leicht verzögert erreichen New Wave und die Neue Deutsche Welle tatsächlich auch Graz. Mitterer hört erstmals die Buzzcocks, XTC und die Fehlfarben - Schlüsselerlebnisse, die ihn dazu veranlassen, seine Jazz-Platten zu verbrennen und Portnoy zu gründen (benannt ist die Band nach dem Protagonisten von Philip Roths Roman Portnoys Complaint), bis heute eine der schillerndsten Bands der hiesigen Musiklandschaft - stilprägend, eigenwillig, einflussreich und kontroversiell. Bereits nach den ersten Auftritten genießt die Band, in der anfangs jeder nur die Instrumente spielen darf, die er nicht beherrscht, Kultstatus. In den darauf folgenden vier Jahren polarisieren Portnoy, versetzen ihr Publikum ständig in ungläubiges Staunen, werden einerseits innigst geliebt und akklamiert, andererseits abgrundtief gehasst und bei den raren, aber immer einzigartigen Konzerten mit nicht ganz abgenagten Hühnerknochen beworfen... Mit Armer Jesus (angelehnt an Falcos Amadeus) hat man einen veritablen vorösterlichen Szene-Hit.


1985
A shut mouth catches no flies

Boris Becker gewinnt Wimbledon, Gorbatschow wird Parteichef der KPdSU, Mitterer rutscht im Bad auf seiner Seife aus und schlägt hart mit dem Haupt auf (unter den Spätfolgen dieses Sturzes leidet er bis heute) und das Wrack der Titanic wird gefunden. Mitterer sieht die Programme auf einem S/W-Fernseher in Farbe...

1985 war auch Mitterer ein Wrack - körperlich aufgrund der unkontrollierten Einnahme diverser illegaler und legaler Substanzen, sowie des oben erwähnten fatalen Sturzes, und musikalisch angesichts der Tatsache, dass eine Weiterentwicklung in der damaligen Besetzung aufgrund spieltechnischer Unzulänglichkeiten nicht möglich erscheint. Mitterer löst die Band auf und zieht sich in den darauf folgenden Jahren ins selbst gewählte Exil eines musikalischen Elfenbeinturmes zurück, aus dem er die diversen Szenen landauf und landab beobachtet und, nur unterbrochen von gelegentlichen Auftritten, massenweise Demos produziert, die, auf Kassetten unters Volk gebracht, ebendieses baß erstaunen und Appetit auf die erste offizielle Veröffentlichung von Portnoy machen, die dann aber gewaltig in die Hose geht.


1990
That's how the cookie crumbles

Deutschland ist wieder vereint, und zu allem Überfluss werden sie auch noch Fussball-Weltmeister. Österreich strebt trotz heftiger Proteste Mitterers die Mitgliedschaft in der EU an. Die Seife geht ihm aus. Zwei von Mitterers Zebrafinken leiden unter hartnäckigem Milbenbefall...

1990 erscheint die Single Why Do You Dance Alone, ein entsetzlich missglückter Versuch, über einen radiotauglichen Song dem Mainstream bis über den Hals in den Hintern zu kriechen. Über dieses schleimige Machwerk sei hier großzügig der Mantel des Schweigens gebreitet. Frustriert von seiner eigenen Rückgratlosigkeit und gebeutelt von einem gerüttelt Maß an Selbstzweifeln zieht sich Mitterer wieder in den oben erwähnten Turm zurück, produziert aber heftig weiter, unter anderem die bereits Legendenstatus genießende Dada-Collage nach Texten von Hans Arp, Kurt Schwitters und Hugo Ball.


1993
The Principle of Lust

Hermann Maier wird 21. Die Kennziffer für die Postleitgebiete Deutschlands wird auf fünfstellige Codes vor dem Ortsnamen erweitert. Mitterer flutscht beim Duschen ein Stück Seife aus der Achsel...

The Principle Of Lust erscheint - heute bereits ein Klassiker, der leider nicht mehr erhältlich ist. Auf The Principle Of Lust präsentiert sich Mitterer als gereifter Songwriter, der gekonnt mit Genres spielt und stilsicher zwischen dem psychedelischen Rock der 60er-Jahre und aktuellen Tendenzen wie dem Grunge der beginnenden 90er-Jahre hin- und herwandelt. Vergleiche zu den Beatles, den Beach Boys, Pink Floyd, XTC und Nirvana sind durchaus gewollt und schmeichelhaft.

The Principle Of Lust enthält eine Ansammlung höchst kompakter Songperlen, die den Vergleich mit anderen Suchern nach dem perfekten Popsong nicht zu scheuen brauchen. Insbesondere der Zyklus Growing Up For Beginners überzeugt durch eine musikalische Dramaturgie, die die Vorzüge der Pop-Errungenschaften von 1967 in eine moderne Soundsprache übersetzt. Eine sensationelle Platte aus dem verschlafenen Graz, an der man sich gar nicht satt hören kann. [Kleine Zeitung, 20.12.1993]

Songs aus The Principle Of Lust werden zwar fleißig vom Radio Rot-Weiß-Rot gespielt (einer Plattform auf Ö3 für unbekannte Bands aus Österreich, ja, damals gibt es so was tatsächlich...), aber die Live-Umsetzung der komplexen und verspielten Arrangements funktioniert aber leider überhaupt nicht, und auch die Reaktionen der Musikindustrie entsprechen nicht den hohen Erwartungen Mitterers. Stellvertretend sei hier nur ein Beispiel erwähnt.

Leider ist es so, dass der Markt deshalb noch lange nicht wächst, nur weil man Dinge tut, die bisher nicht üblich waren. Wenn Sie mich jetzt ehrlich fragen, wie ich davon soviel verkaufen soll, dass wir beide zufrieden sind, weiß ich ehrlich keine Antwort. Trotzdem, behalten Sie sich Ihren Mut zum Risiko, bzw. bleiben Sie Ihrer Musik treu, sofern Sie der Meinung sind, dass Sie damit richtig liegen (Sony Music, Wien).

Frustriert und gebeutelt von einem gerüttelt Maß an Selbstzweifeln zieht sich Mitterer wieder einmal in den oben erwähnten Turm zurück, produziert aber weiter heftig weiter.


1995
The Invention of Solitude

Österreich tritt, sehr zum Missfallen Mitterers, der EU bei. Sowohl historisch als auch statistisch gesehen ist die Welt dort friedlicher, wo die Frauen das Sagen haben (???). Mitterer hört mit dem Rauchen auf und findet das Seifenstück aus dem Jahr 1993 in seiner Brotlade wieder...

1995 erscheint das zweite Album The Invention Of Solitude - ein Werk, dessen Rezeptionsgeschichte annähernd der von The Principle Of Lust entspricht...
1996 spielen Portnoy ein viel umjubeltes Konzert in der Schlosstenne Wies, dann ist aber Schluss mit lustig. Mitterer zieht einen Schlussstrich unter seine vermurkste musikalische Karriere und sich selbst endgültig zurück. Aber wieder nur bis in den oben erwähnten Turm, in dem, häufig unterbrochen von körperlichen Gebrechen, musikalischen Selbstzweifeln und privaten Katastrophen, sukzessive neue Aufnahmen entstehen, die dann 2003 unter dem Titel The Anatomy Of Melancholy erscheinen.


1998
Man is a wolf to man

Mitterer verwendet Kernseife mittlerweile zur Pflege seines Parkettbodens und fängt wieder zu rauchen an...


2003
The Anatomy of Melancholy

Die Columbia verglüht im Orbit. Mitterer leistet sich erstmals einen Seifenspender mit Flüssigseife - ein großer Schritt in die richtige Richtung! Die total solar eclipse knipst den Isländern das Licht aus und hüllt die mit Licht ohnehin nicht sonderlich reich gesegnete Insel in Dunkelheit. Schafe legen sich mittags zum Schlafen hin und die Papageientaucher fliegen rückwärts. Mitterers Lieblings-Pyjama beginnt sich aufzulösen. Schwarzenegger wird Gouverneur von Kalifornien...

The Anatomy Of Melancholy - ein Opus Magnum, ein düsteres Meisterwerk, das einen von der ersten bis zur letzten Minute in seinen Bann zieht. Mitterer auf dem Höhepunkt seiner kompositorischen Schaffenskraft. Von fein ziselierten Balladen bis hin zu ohrenbetäubenden Krachern reicht hier das musikalische und textliche Spektrum der Songs, die auch produktionstechnisch und vom Cover-Layout ihresgleichen suchen. Und siehe da - Mitterer findet endlich Gleichgesinnte, die in der Lage sind, seine musikalischen Ideen live umzusetzen. Man spielt einige viel beachtete Konzerte, doch dann fällt Mitterer, Jahrgang 1963, in eine veritable Midlife-Crisis und beschließt wieder einmal, die Musik an den Nagel zu hängen.
Aber da er ja bekanntermaßen ein Meister des Rücktritts vom Rücktritt ist, steuert er in regelmäßigen Abständen Beitrage zu diversen Themen-Samplern bei, die auf dem kleinen aber feinen Label Pumpkin Records erscheinen und im Menü News/Live zum Download bereitstehen (Like a pharao - a tribute to Peter Sterner [2000], LiebeSeXXXAmour [2002], kwe:r [2003], Hymnen [2005], 1967 [2006]).


2007
The Dust of Ages

Mitterer wird es schmerzlich bewusst, dass er 2007 44 wird. Er verschenkt seinen Seifenspender und beschließt, sich die Haare wachsen zu lassen, was in Omsk ein Fahrrad umfallen lässt. Prinz Charles' ehemaliger Skandalbutler George Smith stirbt im Alter von 44 Jahren...

Doch der Mann kann einfach keine Ruhe geben. In ermüdenden Nachtsessions spielt Mitterer eine neue CD ein, The Dust Of Ages, auf der er, einer hartnäckigen Schreibhemmung Tribut zollend, Songs einiger seiner großen Helden covert - covert im besten Sinn des Wortes, denn die Resultate dieser Sessions haben mit den Originalversionen kaum mehr etwas zu tun, sondern sind erhellende Neuinterpretationen von Klassikern wie 2000 Light Years From Home von den Stones, My Way von Frank Sinatra, Leaving On A Jet Plane von John Denver oder Sign Of The Times von Prince, aber auch von hierzulande nahezu unbekannten oder sträflich vernachlässigten Künstlern wie Robyn Hitchcock, Patrik Fitzgerald oder Daniel Johnston. Mitterer gelingt es auf The Dust Of Ages mit Grandezza, diese Songs aus dem großen Liederbuch der Rockgeschichte vom Staub der Jahre zu befreien.


www.portnoy.at
www.kuerbis.at
www.myspace.com/pumpkinrec

Quelle: Heimo Mitterer

 

 

 

 

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