18. September 2014
Rocker im Internet

Johnny Silver

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Texte

 



Texte über Johnny Silver:



Jack Kramer
über Johnny Silver:


Johnny Silver konnte Gitarre spielen, und ich konnte es nicht. Das war vor vielen Jahren und könnte der Anfang eines Märchens sein, aber Märchen haben ein Happy End, und diese Geschichte hat keines. Jedenfalls spielte Johnny bei diversen Gelegenheiten Chuck Berry, CCR, Eddie Cochran, Otis Redding und Sam and Dave Nummern, und ich sah zu. Zusehen war aber langweilig, und so lernte ich auch ein paar Akkorde, und wer sich in der Rockmusik etwas auskennt, der weiß, daß ein paar Akkorde ganz schön viel bewirken können, und darum nahmen wir auch gleich ein paar Lieder auf. Dies geschah in meinem Zimmer zwischen dem 1. und 15. Juli 1980. Drei Songs wurden eingespielt, darunter „Stand by me" von Ben E. King und „A Thousand Stars" von Eugene Pearson. Uns gefiel, was wir hörten, und bald darauf gründeten wir unsere erste Band. Ihr Name war: „The Cold Chills". Das erste Konzert war am 30. Mai 1981 und war ein Erfolg, die Single, die im Herbst darauf folgte, war es nicht. Die Auswahl der falschen Songs - keiner wurde jemals live gespielt - befriedigte weder unsere wenigen Fans noch uns selbst. Nach einem zweiten Konzert am 21. November 1981 in Mautern gab es die „Cold Chills" nicht mehr.
Inzwischen hatte ich mir nach bestandener Führerscheinprüfung einen alten Simca gekauft und so fuhren wir von Mautern über den Präbichl nach Eisenerz. „Hugo Windl & The Rubbershorts" war der Name der neuen Band, und in kürzester Zeit wurde ein Musikkabarettprogramm einstudiert. Am 22. Jänner 1982 war die Premiere. Es war ein erfolgreicher Abend, aber auch schon wieder der letzte. Johnny mußte zurück zum Theater, und wir anderen gründeten die Gruppe „Comakino".
Zwischenzeitlich veröffentlichten Johnny und ich unter dem Gruppennamen „The Coolerators" Demoaufnahmen auf drei Cassettensamplern. Die Cassetten wurden von Dum Dum Records veröffentlicht, und wir waren davon so angetan, dass wir in einer Nacht- und Nebelaktion das gesamte Liesingtal mit Coolerators-Plakaten zupflasterten. 1983 entstand in Vordernberg die „Jack Kramer Band", und bei 6 Konzerten in den Jahren 1983 und 1984 konnten wir Johnny Silver als Verstärkung in unseren Reihen begrüßen.
Anlässlich des NZ-Bandwettbewerbes 1984 gründeten wir schließlich unsere bislang letzte Band: „The Details". Mit Mitgliedern der „Jack Kramer Band" und „Hugo Windl & The Rubbershorts" belegten wir in der Vorausscheidung den 2. und im Halbfinale den 6. Platz. 1985 fuhren wir noch nach Wien und nahmen für Dum Dum Records drei Lieder auf, die aber leider in irgendwelchen Archiven verschwanden.


Ewald Pfleger, Notstrom:


In der Zeit, als Süverl einige Auftritte mit KGB (Kurt Gober Band) hinlegte - etwa Anfang der 80er - gab es auch ein Konzert gemeinsam mit der Gruppe OPUS in Bierbaum bei Fürstenfeld.
Die Aufgabe, die Süverl bei KGB hatte, war, schauspielerisch die Texte auf der Bühne umzusetzen, was er unter großem Gelächter aller Beteiligten schon vorher beim Essen und in der Garderobe ausprobiert hatte. Doch es kam dazu, dass wir an diesem Nachmittag vor dem Konzert in einer Halle in Bierbaum vom Veranstalter gebeten wurden, ohne Lichtshow aufzutreten, da es nicht genug Strom im Ort gab. Das war für uns natürlich ein Problem, aber noch mehr für Süverl und seine Einlagen. Mit seiner Hilfe gelang es uns aber schließlich, die Show zu retten, mit der Folge, dass am Abend im gesamten Ort die Tiefkühltruhen abgeschaltet werden mussten.
Das Konzert war ein großer erfolg für alle Beteiligten und wahrscheinlich ein Meilenstein in der Gemeindechronik.



Kurt Gober, Gagenverweigerung:


Die Geschichte ist 1982 passiert, 2 Jahre bevor ich im Duett mit Andreas Fabianek unter dem
Pseudonym „KGB" - Kurt Gober Band mit „Es war nix" und „Motorboot" in Österreich zwei Platz 1 - Hits schaffte.
Wir versuchten unsere ersten Liveauftritte (schon unter dem Namen KGB) in der damaligen Besetzung:
Kurt Gober - Leadgesang, Gitarre
Andreas Fabianek - E-Bass, Gesang
Werner Radl - Gitarre, Gesang (später Gitarrist bei der Beatles-Revival-Band)
und Willi Paar - Schlagzeuger
Ich suchte nach einem Performance-Act für unsere Auftritte - oft im Vorprogramm unserer Freunde, der Gruppe OPUS (noch in der Zeit vor „Life is Life") -, und Willi Paar schlug seinen Cousin Johannes Silberschneider, einen damals angehenden Jungschauspieler, vor.
Hannes war eine Wucht, es funktionierte vom Anfang an, die Auftritte waren skurril, hin und wieder kriegte ich selbst nicht mit, was so alles auf der Bühne vor sich ging (ich war mit meinen Songs beschäftigt), aber Hannes ließ ständig etwas passieren. Seine Aufgabe bestand eben darin, unsere Musik zu „performancen".

Für einen Autofahrer-Song hatte sich Hannes z. B. ein Holzauto mit allen möglichen Hup-Utensilien gebaut und werkte dementsprechend ab, wobei ich mich als Sänger locker aus der Verantwortung der Nummer nehmen konnte: Auf mich hörte keiner, alles konzentrierte sich darauf, was mit dem Auto und Hannes so alles passierte!
Dann kam der Auftritt - und hier beginnt die eigentliche Geschichte - in Mannersdorf, mittleres Burgenland, eine „Gasthaus-Garten" Open-Air-Veranstaltung im Vorprogramm von WILFRIED & Band.
Wir hatten den Auftritt (damals noch mit so anarchisch-fatalistischen Nummern wie den Song „Etwas Sperma und dann sterb' ma") gut rübergekriegt, und ich wollte Hannes die ohnehin mickrige Gage von Schilling 250.- ausbezahlen. Hannes verweigerte aber die Gage mit den Worten: „Heut' nehm' i nix, i woar heut' vüll zu schlecht!" Auch eine intensive verbale Überzeugungsarbeit von meiner Seite als auch von den übrigen Bandmitgliedern das Geld doch anzunehmen, ließ Hannes von seiner „Gagen-Verweigerung" nicht abbringen.

Als Bandchef fühlte ich mich bemüßigt, in dieser Causa einen lauteren Ton anzuschlagen, um die finanzielle Transaktion endlich abzuschließen, jedoch ohne Erfolg, ich erreichte das Gegenteil: Hannes flüchtete, rannte aus dem Gasthaus und ich hinterher. Hannes glaubte, sich der ganzen Geschichte entledigen zu können, indem er versuchte, mir im nahe gelegenen Kukuruzfeld zu entkommen. Mir war bewusst, schnell handeln zu müssen, um Hannes nicht die Möglichkeit zu bieten, das Kukuruzfeld als „Versteck" zu missbrauchen und ich riskierte den „Sprung aus dem Lauf" um Hannes Beine zu „fassen", was mir auch gelang. Wir wälzten uns am Boden und nach einem Gerangel gelang es mir, Hannes Gage mit der Drohung: „Und wenn du das Geld jetzt net nimmst, kriegst a Watsch'n!" in eine Seitentasche von Hannes übergroßen, schwarzen und damals schon legendären Sakkos zu stecken. Hannes musste sich der Gewalt beugen, und ich hatte endlich die Gage an die richtige Adresse gebracht.
Die Geschichte hat sich genau so ereignet, nichts ist hinzugefügt, aber auch nichts weggelassen.



Klaus Lintschinger, Erinnerungen an einen, bevor er Silberschneider wurde:


Als ich den Johnny Silver wiedersah oder vielleicht auch zum ersten mal sah, da hatte er den Namen Silberschneider angenommen, war ein renommierter Schauspieler geworden, und ich ging aus einem Gefuehl spontaner Affinitaet daran, uns eine zumindest streckenweise gemeinsame Vergangenheit zu erfinden oder zu finden. Ich war zu der Zeit - Robert Dornhelms "Anne Frank", in der Johnny als Johannes eine Rolle spielte, wurde beim juedischen Filmfestival in Wien gezeigt - mit einem Filmstoff rund um die eisenerzer Prozesse befasst. Eisenerz? Der Johnny stammte aus der Gegend, irgendwie. Und ich auch, irgendwie. Damals hiess er noch wie er geheissen hat, bevor er der Silberschneider wurde. Damals trat er auf beim Bandwettbewerb der "Neuen Zeit". Ich auch. Ich hiess, wie ich immer geheissen habe. Meine Band hiess manchmal "Lucky Privy". Wir dachten, das hiesse so was wie "glueckliches Scheisshaus". Mit einem umfassenderen Dictionary und etwas mehr Erfahrung mit der englischen Sprache waeren wir bei "Happy Shithouse" gelandet. Warum dieser Name, ist mir heute nicht mehr nachvollziehbar. Lebensgefuehl vielleicht. Egal. Den Bewerb haetten wir so oder so nicht gewonnen, denn der Johnny Silver war besser. Der konnte wirklich was. Vielleicht nicht singen, so wie wir auch nicht, aber der Johnny war "da", der Johnny hinterliess einen Eindruck, der hatte was mit Rock'n'Roll an der silbrigen Weste. Wir waren eher Country Blues aus der Tradition zwischen Kapfenberg, Thoerl und Memphis. Aus dieser scharfen, mit jedem Satz schaerfer werdenden Erinnerung erwuchs ein Stueck gemeinsamer Jugend, entstanden zwei parallele Leben, die aus der Obersteiermark in den Rest der Welt und in die Fiktion fuehrten und manchmal auch zurueck. Und es entstand eine junge Freundschaft mit alten Wurzeln zwischen dem, der Johnny Silver war und dem, der ihn damals schon gekannt haben koennte, als sie beide im selben Jahr auf derselben Buehne standen.



Johannes Silberschneider
, anlässlich eines Schuljubiläums in Eisenerz 2009:

Memories Are Made Of This oder
Das Heim-Weh

When some loud braggart tries to put me down
And says his school is great
I tell him right away
"Now what's the matter buddy
Ain't you heard of my school
It's number one in the state"
So be true to your school
Just like you would to your girl or guy
Be true to your school and let your colours fly!
(Brian Wilson & Mike Love
von den Beach Boys, 1963)

Eines gleich vorweg: ohne Eisenerz würde es mich in der heutigen Form nicht geben. Ohne die Erfahrung Eisenerz, diesem fast mystischen Ort, wo Zeit, Raum und Menschen für mich zu einer Art steirischem Weltmodell verschmolzen. Ohne dieses Eisenerz gäbe es keinen Johnny Silver, und erst recht nicht den Schauspieler Johannes Silberschneider! Als ich an jenem wunderschönen Septembervormittag im Jahre 1973 ankam, um hier künftig das musisch-pädagogische-Realgymnasium besuchen, konnte ich noch nicht erahnen, daß diese nächsten Jahre, die ich hier zubringen musste, zur prägendsten Zeit meines Lebens werden sollte.

Und angefangen hat das alles so: Irgendwann nach der zweiten Hauptschule, nachdem die Gescheiteren unseres Klassenzuges bereits nach Leoben ans Gymnasium abgewandert waren, stellte sich auch für den Rest langsam die Frage wie es denn nun weitergehen soll. Ich für meine Person hatte eines Tages, als ich gerade mit meinem Puch-Mini-Rad am Zaun des Mauterner Freibades lehnte, beim Anblick unserer Schulschönheit im weißen Bikini, die unnahbar auf einer Luftmatratze schwebend im Wasser trieb, umplanscht von einer Verehrerschar, die Eingebung, daß es so etwas für mich nicht spielen werde. Und es tauchten plötzlich in meinem Kopf zwei Gestalten vor mir auf: ich als Ordenspriester mit weissem Stehkragen und Soutane und ich James-Bond-mäßig, mit schwarzem Mascherl und vor der Brust gekreuzten Armen mit Colts den Händen! Beides in schwarz-weiß. Für mich kam als alter Ministrant natürlich nur die Vision eins in Frage, da ich die zweite gar nicht erst zu deuten vermochte, außer vielleicht damit, daß man um beim anderen Geschlecht landen zu können, mindestens so verwegen sein müsse wie Sean Connery, den ich von Bildstreifen aus dem Film "Man lebt nur zweimal" aus der Wundertüte kannte. Und das alles bewahrte ich nun in meinem Herzen, still für mich. Aber dennoch schien es selbst meinem Klassenvorstand klar zu sein, daß ich wohl in Admont bei den Benediktinern landen werde. Bis eines Tages ein Verwandter, seines Zeichens Schuldirektor in Kraubath, auftauchte, und meinen Eltern die entscheidende Frage stellte, was S I E denn wohl mit mir vorhätten. Da sie nicht gleich etwas Konkretes zu erwidern wussten, kam die zweite "Was kann er denn!" die nun allerdings beide unisono mit "Zeichnen!" beantworteten und wie aus der Pistole die Antwort folgte: "Dann gebt's ihn nach Eisenerz!"
Mein Vater zeigte sich sofort hellauf begeistert, denn bereits seit seiner eigenen Schulzeit, wo er zwei Klassen der dortigen Hauptschule von Hieflau aus als Fahrschüler besuchte, war ein regelrechter Liebhaber dieses Fleckens geworden. Und auch mir war
der Ort, in den er mich in meiner Kindheit immer wieder mitgeschleppt hat (einmal sogar im Führerstand einer Dampflok über den Präbichl!), längst zum Begriff geworden: als eine Art modernes mechanisches-Erzberg-Kripperl-Museum in Tendler-Manier mit Wunderstufe! Das Erz-Mariazell, der Wallfahrtsort des gesamtösterreichischen Eisenindustrie-Adels. Das heimische Berg und Hütten-Panorama schlechthin! Und diese geheimnisumwobene Eisengeburtsstätte mit Wassermannloch, Erzberg, Schichturm, Hochofen und Leopoldsteinersee, eingerahmt von bizarren Felsgebilden, einer lebendigen Eisenblüte unter einem Glassturz gleich, hat sich schon damals in seiner Topographie wie eine kostbare Schatz-Reliefkarte tief in meine kindliche Seele eingegraben.
Wenn Mautern für meine Kindheit steht, in der mein Innerstes herangewachsen ist, dann ist Eisenerz meine Pubertät, wo das Äußere Form angenommen und meine eigentliche Sozialisierung stattgefunden hat. Die Verzweiflung war groß, als ich noch kurz vor Schulbeginn mit einer Eiterflechte an beiden Händen das Bett hüten musste, und ich mich schon als Lehrling am Bau und nicht in der Mittelschule gesehen habe. Aber ebenso groß war auch die Hoffnung, als ich dann doch wieder "über den Berg" war und mich mein Vater in der Radmeisterstraße Nummer 4 abgeliefert hat. Das
Knaben-Internat war im Kellergeschoß der alten Mädchen-Hauptschule untergebracht. Und ich in einem Zimmer mit noch 17 anderen Schülern, in einem Stockbett in der rechten Ecke unten und gleich direkt über unseren Köpfen die Mädchen und der Kindergarten!
Der Willkommensgruß des Heimleiters, einer Art sozialistischer Jung-Ohm-Krüger, mit einem abenteuerlichen Zwischending von Backenbart und Kotletten an den Wangen, fiel auch dementsprechend beeindruckend aus. Ich wähnte mich eher in einem Lager für Schwer-Erziehbare, als in einer Bleibe für musisch angehauchte Zöglinge. Der furchterregende rhethorische Eindruck und die Schwere der Parfüm-Schwaden, die er bei dieser Einführung hinterließ und mit der er seine Omnipräsenz eindringlich zu markieren verstand, sollten noch weitere Jahrgänge einschüchtern und gefügig machen, sowohl dienstbar für seine Zwecke aber auch zu Ihrem eigenen Nutzen. Professor Kurt Maicovsky, kurz Maic genannt, der Schrecken der ersten Jahre, der sich später als meine mimische Erweckungs-Figur und theatralischer Initiations-Guru entpuppte, mein Entdecker und Berufer, der es wie kein Zweiter verstand, uns die Wadeln nach vorne und den Blick nach hinten zu richten. Und hinter ihm, und damals noch an seiner Seite. stand sein weiblicher Ausgleich: Frau Professor Gerda Folkmann, die liebende Mutter der Keller-Kompanie, ihres Zeichens Sprachspezialistin, Studierstunden-Haupt-Aufsicht, und unser aller Fürsprecherin!
Als ich am selben Abend nach "Licht aus und Bettruhe!" noch aufs WC wollte, legte mir der Stubenälteste und Bettnachbar nahe, es besser sein zu lassen. Er deutete mir an, daß ER, Maic, gleich darüber wohne und falls er mich erwischen sollte, die Konsequenzen furchtbar wären! Es musste aber sein und Not macht bekanntlich erfinderisch. Also schnappte ich mir leise eine der leeren Sprite-Flasche vom Getränkeautomaten vor unserer Zimmertür, versuchte dann, einen Papierkorb als Tropfenfänger mißbrauchend, reinzutreffen und entsorgte anschließend das Ganze durch das offene Fenster. Der Schlafsaal bog sich förmlich vor verhaltenem Lachen und kurz darauf erfolgte die erleichternde Aufklärung. "Er wohnt eh net da!"
Wo war ich da gelandet? Anstatt in den ehrwürdigen Mauern eines katholischen Ordens-Internats, der Welt entrückt, wurde ich in einen militant geführten ehemaligen Jugendherbergs-Keller weggesperrt ! Und mit mir all die bürgerlichen Sehnsüchte, die ich tief in meinem innersten Kämmerlein hegte.
Der Alltag der Eingewöhnung prägte Rituale, die als Halterung, als Geländer dienten, um die Woche zu überstehen. Ein-Schilling-Telefonate mit daheim aus der Telefonzelle im Postamt, Vanillie-Krapfen aus der Konditorei Jahrmann oder der Bananen-Shake aus der Milchbar am Theodor-Körner-Platz als Belohnung für bestandene Prüfungen, Schmöker- und Stöberstunden in der Papierhandlung Meixner im Kammerhof als erweiterte Studier-Praxis, manchmal Fernsehen unter der Woche wenn "Paulchen Panther" kam oder am Sonntagabend "Wickie und die starken Männer", danach hörte ich meistens im Radio noch die Live-Quizsendung „Österreich-Rallye" und einmal im Monat vielleicht sogar ins Kino.
Die Schule an sich, obwohl man doch wegen ihr da war, rangierte zu diesem Zeitpunkt für mich kurioserweise eher als zweitrangig. Aber nicht nur für mich. Sie galt allgemein als das Auffanglager für alle Gestrandeten und Gescheiterten des steirischen Schulbetriebs. Sie war jedoch eine Sonderschule im besten Sinn, eine der letzten volkstümlich-humanistischen Sozialisierungsanstalten im damals konsum-orientiert- vorwärtsstrebenden Österreich der Ära Kreisky.
"Du sollst Gott, deinen Vater lieben, mit ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit all deinen Gedanken, - aber ebensosehr deinen Nächsten - , wie dich selbst!" Wenn es für mich in Admont gegolten hätte, sich dem oberen transzendenten Teil dieser großen Gleichung mit den drei Unbekannten zu widmen, hier wurde ich mit der Basis, der Erdung, den diesseitigen, irdischen Konstanten vertraut gemacht. Zwischen Orientierungsläufen, Schikursen, Lassiter-Western-Romanen, Holzschuh-Zielschießen, Kung-Fu-Filmen, Tischtennis, Gitarrestunden, Spind-Verstecken, Schweden-Rätseln, Matratzenburgen, Playboy-Heften und Heimpartys, Krampuskränzchen und opulenten Weihnachtsfeiern, Faschings-Party-Einladungen zu den Mädchen ins Schloß, Heimfahrts-Sperren, abenteuerlichen Anreisen per Bus über die alte Präbichl-Straße, erhellenden Nachmittagsstunden im lichtdurchfluteten Studiersaal, gemeinsamen Mahlzeiten im überfarbenfrohen, futuristisch anmutenden plastik-verkachelten Aufenthaltsraum, bei sportlichen- und kulturellen Pflichtveranstaltungen aber auch in privaten Nachhilfe-Stunden wucherte ein Konglomerat heran, das wahrhaft zeitgemäß anmutete und doch irgendwie nicht von dieser Welt war.
Und dann kam irgendwann der Um- und Aufbruch. Mit der Eröffnung der Präbichl-Nordrampe schien nicht nur das Leben in der Stadt, sondern auch mein eigenes neuen Schwung zu bekommen. Ich fing an mich auf der Gitarre zu begleiten, Lehrer zu parodieren, und völlig unvermittelt wurde ich plötzlich auch noch vom Maic persönlich zu der von ihm geführten Bühnenspieltruppe vergattert. Vierzehn Tage vor der Premiere. "Traugotts Versuchung oder das Haus in Montevideo" von Curt Goetz stand auf dem Plan. Er griff sich mich an Kindes statt. Ich sollte Ultima geben, den Jüngsten Sproß des zwölfköpfigen Professoren-Haushalts. In Ermangelung von Kostüm und Perücke wurde kurzerhand ein Ultimus daraus und als er mir nach der Aufführung, bei der ich ein Tischgebet zu stammeln hatte, belobigend auf die Schulter klopfte und meinte "Du g'hörst aufs Reinhardt-Seminar!", fühlte ich mich zuinnerst erkannt und bedeutete ihm, daß es immer schon mein Wunsch war Priester zu werden, worauf ein kurz gebelltes "Schauspielschul, Trottel!", mich wieder auf den Boden der Realität zurückholte. Aber gleichzeitig hatte sich damit, ohne daß ich es richtig mitbekam, eine neue Welt in meinem Hinterkopf eingenistet. Die Bretter die Welt bedeuten!
Von nun an durfte ich nicht nur mitspielen, ich durfte sogar die Programmhefte für die alljährlichen Aufführungen mit einer Titelillustration zieren. Und ich begann neben dem deutschen Schlager den Rock 'n' Roll meines Geburtsjahrganges für mich zu entdecken. Hin- und her gerissen zwischen zündenden Rhythmen, aufwühlenden Harmonie-Gesängen und österreichischen Sprachpartituren (von den Wurzeltrieben eines Helmut Qualtinger bis hin zur hybriden Blütenranke Oskar Werner), die uns Maic mittels Schallplatte im Rahmen des Bühnenspiels nahezubringen suchte, begann ein ganzer 20. Jahrhundert Klang-Kanon in meinem Kopf zu brodeln, wie in einem Kelomat-Dampfdrucktopf! Dazu kam noch, quasi als Zeitgeist-Würze, der Querbeetwuchs aus Schul- und Heimgarten: Abba, Pink Floyd, Frank Zappa, Leonard Cohen, Jethro Tull, Doors, Cat Stevens, Sweet und Smokie, Reinhard May, die damals gängigen Blödelbarden Schobert & Black, Fredl Fesl und Otto, die Flippers und Bambis bis hin zum urigstem Volksgut aus den benachbarten Gräben und Tälern! - Der Wahnsinn hatte offenbar Methode! - , denn langsam begann man selber Dinge miteinander zu verknüpfen und fing so auf diese Art an, Schritt für Schritt eigenständig denken zu lernen. Und auch so mancher saloppe Ansager aus Professorenmund, wurde in gewissen Fällen richtungsweisend fürs spätere Leben!
"Wenns'd di irgendwann amoi genieren anfangst, wanns'd an Steirer-Anzug anhast oder a Lederhos'n, oder daß dei Vota bei da Eisenbahn war, dann is schon bled! Weil dann bist nämlich sozial entwurzelt! Soetwas bleibt hängen, genauso wie "Du Memme!" oder "Du Wurm!", die Standard-Floskeln unter Maic's tadelnden Brachial-Ernüchterungen , die, meist einhergehend mit einem blitzartig aus dem Handgelenk schnellenden Kantenschlag in die Bauchgegend, einer Art steirischer-Kung-Fu-Magenstrudel, körperertüchtigend den Heimerziehungs-Alltag bereicherten.
Die penible anachronistisch-achivarische Ader aber auch das expressiv-Extatische war nun in mir geweckt und drängte zur Schaustellung. Marcel Pravy, Buddy Holly, James Dean, Hans Moser, Dean Martin, Freddy Quinn und Bill Ramsey, Chuck Berry, Little Richard und Konsorten, das alles wollte aus mir heraus und unter die Leute gebracht werden! Als Vehikel dazu dienten die Talente-Abende der Schülerzeitung und allem voran der Bandwettbewerb des steirisch-sozialistischen Nachrichten Organs "Neue Zeit", bei dem die Sprößlinge unterschiedlichster Sozialklassen im Saal des Gewerkschaftshauses um den ersten Platz rockten, der den Sieger dann zur Endausscheidung über den Präbichl nach Graz katapulieren sollte. Und da tritt nun erstmals mein Pseudonym in Erscheinung. Der Name war gar nicht meine Erfindung. Der Chefredakteur unseres Schülersprachrohrs "Panik-SZ", Rene Juvancic, Sohn des amtierenden Bergdirektors, kreierte dieses alter ego, das mir sofort wie maßgeschneidert für diese Mission erschien! Für den Gruppennamen griff ich auf einen Ausdruck von Professor Meixner zurück, der uns immer nur als Knaller bezeichnete und schon waren JOHNNY SILVER & HIS CLAPPERS aus der Taufe gehoben.

Und als es bereits nach der Erprobung als Mitternachtseinlage auf dem Handelsschulball, großes Lob von den noch immer amtierenden steirischen Tanzboden-Rockern der ersten Stunde, den Reischl-Brüdern alias "White Stars" gab, waren wir uns unserer Sache sicher und alles erblühte, strahlte und glänzte, wie die frisch pomadisierte Haartolle meiner Ducktail-Haircut-Frisur!
Meine Englischschwäche begann zu schwinden, (die Lyrik von Herrn Berry erwies sich als salonfähige Nachhilfe!) erstes Selbstbewußtsein begann sich einzustellen, die Liebe zart zu regen und auch der Erfolg auf schulischer Ebene ließ nicht länger auf sich warten! Und bei all dem schien es, als würden mir Ansätze von Flügeln wachsen, die mich durch alle Prüfungen und Fährnisse hindurch bis über den Präbichl zu tragen vermochten. Und als dann eines Tages auch noch mein Schultasche auf höchst wundersame Weise abhanden gekommen war, kannte die Freiheit keine Grenzen mehr! Von diesem Augenblick an gab es keine Mitschrift im Unterricht mehr, aber dafür umso besseres Verstehen! Die absolute Leichtigkeit des Schüler-Daseins setzte ein!
Bei der Vorentscheidung des Bandwettbewerbs räumten wir den ersten Platz ab und selbst vom Finale in den Grazer Arbeiterkammer-Sälen, zu dem uns ein ganzer Fanbus begleitete, kamen wir als Publikums-Sieger zurück! Soviel steht jedenfalls fest: meine Matura habe ich nicht auf dem Parkett (des Filmsaals) unserer Schule, sondern auf den Brettern der Gewerkschaftshausbühne abgelegt.
Unser rührender Direktor Willibald Ebner, der bei meinen mathematischen Amokläufen an der Tafel, den ohnehin schon auffallend schräg gestellten Kopf noch tiefer und schiefer und unter heftigem Schütteln seiner Schulter zuneigte und dabei kurze jaulende Stoßseufzer entfahren ließ, - der mich aber ebenso heftig für meine mimischen Alleingänge zu belobigen wußte - , meinte einmal kurz vor Schulschluß zu mir, es genüge ihm schon, wenn ich später meinen Gehaltsstreifen richtig lesen und nachprüfen könne! Vielleicht hab ich mich schon damals geweigert, eine zweckgerichtete Ausbildung für maximalen Gelderwerb und ausbeutungsorientierter Erfolgsgarantie anzustreben. Ich wollte einfach nur leben, lieben, denken und verstehen, Glauben lernen! An Gott, die Liebe, das Leben, die Menschen, an mich. Und all diese Dinge miteinander in Beziehung bringen. Gemeinschaftsfähig und zugleich eigenständig sein. Teamspieler und Protagonist . Beides in einem. Mit Leib und Seele. Und all das wurde mir hier in Eisenerz beigebracht!
Ohne Eisenerz gäbe es mich SO nicht. Ohne diese ideale Gebärmutter österreichischer Sozialisierung, eingebettet zwischen Präbichl und Gesäuse, schwer zugänglich und nachvollziehbar für jeden, der nicht selber dort war. Diese rustikal-urbane Prägestätte im postmodernen industrielle-Revolution Museums-Stil, diese steirische Sozial-Ökumene Pflegestätte, wo das katholische Vereinsheim direkt mit dem Vorplatz der evangelischen Kirche verschmolz, dieses eigenwillige Kunst- und Naturklanggebilde, wo Berg- und Werkskapellen an Bläsersätzen fern jeglicher musikalischer Grammatik feilten, und leise Zitherklang-Kaskaden schleierartig die Kirch-Stiegen herunter rieselten, wo das dumpfe Tosen des Erzbaches und die polternden Sprengungen am Berg den Baßlauf bildeten, die Förderanlage und die Zahnradbahn den Takt dazu ratterten und das Schlagen der Schichtturmuhr und die Werks-Sirene am Vogelbichl nebelhorngleich und atmosphärisch die eigenwillige Tonart dieser technisiert- ländlichen Arbeiter-Symphonie anstimmten! - Wer's selber nicht erlebt hat, der wird's schwerlich versteh'n!

Einen Abschied von Eisenerz hat es für mich nie gegeben. Ich bin, wo immer ich auch hingekommen bin, in Eisenerz geblieben. In seinen verwinkelten Gassen, in den Stollen und Windungen meines steirischen Nußschalen-Weltmodells, dessen System und Plan mir seit damals vertraut ist. Und so ist Eisenerz immer in mir geblieben. Fest verankert. In meinen Gedanken, in meinem Herzen. Seine geheimnisvollen Plätze und Winkel, seine Bewohner, die unvergleichliche Bande von Schülern und Lehrern, diese ganze Schatzkarte der Topographie meiner Pubertät.


Johannes Silberschneider im Gespräch mit Dominik Orieschnig:


„Ohne Johnny Silver wäre ich nie zum Schauspieler geworden, so wie ich ohne Shakespeare das Theater nie verstanden hätte."

Es gibt einen Punkt in deiner Vita, wo bei all jenen, die ihn damals miterlebt haben, in der Erinnerung scheinbar so etwas wie Verklärung einsetzt. Ich sage nur "Johnny Silver".

(Lacht) ... Johnny Silver ist mehr als ein musikalisches Alter Ego, wenngleich das damals schon etwas ganz Eigenes war - diese Figur steht für meinen großen persönlichen Initiationsritus. Ihre Entstehungsgeschichte begann eigentlich an dem Tag, bevor ich nach Eisenerz ins Internat gekommen bin. Ich war zuerst ministrieren, danach ging es mit den Roten Falken auf die Tollinghöhe. Dabei fiel mir einer auf mit einem Gitarrenplektron für Schlaggitarre, das faszinierte mich. Es hatte etwas Ominöses, war wie ein sinnschwangeres Vorzeichen. Danach lief abends im Fernsehen die Sendung „Der Film für dich" mit Peter Machatsch, eine Art Vorläufer der späteren Kult-Kinosendung „Trailer". Vorgestellt wurde „American Grafitti" von George Lucas. Und ich hörte die Anfangstakte des Films: Chuck Berry mit dem Song „Almost Grown", und das war für mich die Eröffnung einer neuen Welt, die ich mir von diesem magischen Moment an Stück für Stück erschließen sollte. Rock&Roll wurde zum Schlüssel zu meiner ersten Öffnung als Person. Und die Bravo-Hefte! Pfarrer Linkenseder von Mautern, der, wäre er Schauspieler geworden, wahrscheinlich den besten Hitler-Darsteller abgegeben hätte, schenkte mir eines Tages die 15 Jahre alten Bravos, die mich auf den rechten Weg des Pop und weg vom Kloster führen sollten, in das ich damals ja gehen wollte. Hitler darzustellen, ist viel weniger eine Sache der Mimik und der Gestik als eine physiognomische Angelegenheit. Pfarrer Linkenseder hat einfach ausgesehen wie Hitler, er hatte diesen breiten oberösterreichischen Mostschädl mit dem passenden Doppelkinn. Und er ist tatsächlich mit Adolf Hitler in dieselbe Schule gegangen. Wenn er so mit Hut und Mantel und den im Rücken verschränkten Händen durch die Botanik spaziert ist, hätte man ihn photographieren können und dem Stern verkaufen können. Der hätte die Fotos dann nach den falschen Hitler-Tagebüchern gebracht unter dem Titel: „Exklusivphotos des Führers. Adolf Hitler als Privatmann in Argentinien gesichtet." (lacht) Bruno Ganz war mit seiner Hitlerdarstellung sehr nah dran, nur die Physiognomie war eben nicht derb genug. Meine Spielkameraden hatten mich jedenfalls gerade in einem Hohlraum unter einer alten Treppe des Pfarrhofes eingesperrt, als der Herr Pfarrer daherkam mit etwas Zusammengerolltem in der rechten erhobenen Hand wie ein Marschallstab, mit dem Zeigefinger der Linken winkte er mich drohend zu sich, und ich dachte schon, jetzt würde ich ein Donnerwetter erleben. Doch er sollte mir diese magischen Hefte schenken. Damit hat er mir mehr gegeben, als er jemals wissen konnte. Denn das war keine religiöse Literatur, sondern Pop: Musik, Film, Fernsehen, die Brücke, um auf einen Weg zu gelangen, auf meinen Weg. Ein Repertoire, eine Heilmittelsammlung, anhand der ich meine Teenagerprobleme lösen konnte. James Dean und Pier Angeli wurden zu Bruder und Schwester im Geiste für mich, ich sah: ich war nicht allein mit meinen Problemen. Ich hatte nun die Hausapotheke des Pop. Später in Eisenerz kam ich zu den legendären „Rock Dreams" von Nik Cohn und Guy Peellaert, die mir wie Ikonen des Bösen vorkamen, so eine Art pervertierte Heiligenbildchen in Buchform, eine neue Welt, von der ich nicht wusste, was genau sie war und die sich mir in Ton und Bild erschlossen hat. Es war eine ganzer Kosmos mit allen Gegensätzen, die eine große Einheit bildeten: das Brave und das Verruchte, das Gute und das Böse.

Was bedeutete für dich „verrucht"?

Dämonisch ... etwas, wodurch man bei sich selbst eine Grenze überschreitet und sich einem gefährlichen Abgrund nähert. Ich habe mein Leben lang ein besonderes Gefühl für innere Instanzen und Grenzen gehabt, die nicht überschritten werden dürfen. Am Theater waren das für mich die „Barbarino-Grenzen", die ich unter diesem Regisseur in Hamburg als „Kean" und „Dr. Ratte" überschreiten würde. Mit beinahe fatalen Folgen.
Es gibt Phasen im Leben in denen man nicht so sehr auf sich horcht, weil man zu sehr mit der Welt beschäftigt ist und sich auf deckungsgleich bringen will mit der Gesellschaft, die einen umgibt, und ihren Maßstäben. Heute weiß ich, dass einem nur selten Menschen begegnen, die einen zu sich selbst führen wollen, weil sie es aus tiefstem Herzen gut mit einem meinen. Das waren bei mir meist Frauen ... die Tante, die Großmutter, später die eine oder andere Schauspielkollegin, etwa Eva Mattes, die während meiner Zadek-Zeit mein guter Engel war. Und natürlich meine Gefährtin Barbara de Koy. Ich glaube überhaupt, dass Barbara mein größter Lehrer ist. Ich kenne niemanden, dem ich näher wäre. Diese Lehrerschaft passiert auf rein intuitiver Grundlage, es hat nichts Belehrendes an sich in dem Sinne, dass einer, der mehr gelesen und gelernt hat, dem anderen Inhalte vermittelt und ihn mit erhobenem Zeigefinger belehrt. Es kommt mir vor, als wären wir gerade mal zwei Jahre zusammen, dabei sind es schon fast zwanzig Jahre. Dass es schon so lange ist, merke ich dann doch daran, wie viel wir gemeinsam erreicht haben, wie souverän wir uns unser Leben eingerichtet haben. Immer mehr sehe ich, worauf es ankommt im Leben: Die vielen schönen Momente erleben zu dürfen und den Alltag zu meistern. Das ganz Normale muss man bestehen, die zahlreichen Wegkehrungen unbeschadet passieren. Der Mensch ist so zerbrechlich, ein Windhauch genügt, um ihn zu Fall zu bringen. Zu dieser Einsicht habe ich erst nach „Dr. Ratte" gefunden. Da wurde ich vom Schicksal, vom Herrgott zurückgepfiffen. Mir fällt der Spruch des Produzenten Mayer von Metro-Goldwin-Mayer ein: „Only God can make stars." Das grelle Licht der Öffentlichkeit und des Erfolges kann Dinge so grauenhaft verzerren, es ist kein dem Menschen gnädiges Licht. Und wenn man es ausknipst, sterben, verhungern Menschen, die kein eigenes inneres Licht besitzen. Dann sind sie keine Stars mehr, sondern Sternschnuppen, die verglühen. Das ist der alte Unterschied zwischen „Lux" und „Lumen": „Lux", künstliche Beleuchtung, hat bald jemand, aber aus sich heraus strahlen tun nur wenige.

Kommen wir zurück zu jenem einschneidenden Erlebnis, das dir Chuck Berry und „American Grafitti" beschert haben ...

Berry war ein großer Gebrauchslyriker, alles ist drin, was für Teenager lebenswichtig ist: nämlich Autos und Frauen, und das, obwohl er selbst schon alt war. Als ich später zu Johnny Silver wurde, spielte ich mit der Band natürlich auch Chuck Berry. Es ist großartig, wenn jemand komplexe Sachverhalte im drei Strophen fassen kann, und noch dazu mit Humor. Und was dazu kam: Da war plötzlich ein Schwarzer, der wie ein Weißer dichtete. Neben Bob Dylan und Smokey Robinson war er der große Dichter des Rock&Roll. Da war irgendetwas an Erdigkeit, an Urkraft da, das mich an das Steirische erinnert hat, an das Edler Trio, an die echte Volksmusik, das Kleine, Überschaubare, Urwüchsige, das wie ein Tweedstoff ist, Strukturen hat, in der Malerei sagt man Stofflichkeit, einfach nichts Glattes. So wie in der Literatur Peter Rosegger, das ist mein Vademecum, denn das ist die Komologie und Lebensphilosophie in der steirischen Nussschale, das ist das, was James Whitcomb Riley für James Dean gewesen ist. „Eine Nadel, geführt ohne Tadel, ist auch von Adel" oder: „Wer die Schönheit und den Reichtum der Welt in der Heimat sucht ..." - das sind Worte, die im Kleinen das Große erkennen.
Nach dem Berry-Lied in jener Filmvorschau kam gleich der Titel „You`re sixteen, you`re beautiful and you´re mine" von Johnny Burnette. Jetzt war es um mich endgültig geschehen. Das war der Moment, in dem in meinem Kopf Johnny Silver gezeugt worden sein muss. Die Handlung von „American Grafitti" wurde mir erst später bekannt, als ich den Film im Rechbauerkino sah. Es ging um Jugendliche nach der Matura auf dem Weg ins Leben. Als ich ihn sah und verstanden habe, war ich bereits Johnny Silver.
Jedenfalls hatte ich so etwas wie an jenem Abend noch nie gehört. Rock&Roll hatte natürlich mit Sexualität zu tun. „Wiegen und Wälzen", heißt das ja übersetzt. Unsere Vätergeneration war noch mit Marschmusik und im Viervierteltakt groß geworden. Das war deren Rock&Roll - auch sie waren, so wie alle jungen Menschen, schnell entflammbar und begeisterbar, aber leider in die falsche Richtung. Leider in den Abgrund. Mit den zwei Weltkriegen und dem daraus folgenden demografischen Desaster wurde eine ganze Generation junger Burschen in die Grätsche getrieben. Sie sollten plötzlich alles das sein, was man an der Front weggeschossen hatte: ihre eigenen Väter, Söhne ihrer Mütter und in gewisser Weise auch noch deren Liebhaber zugleich. Und dann hat man ihnen noch in der aufkommenden Populärkultur John Wayne, Zorro, Indiana Jones und andere solche Typen gezeigt. Klar, dass dabei sogar noch in der übernächsten Generation Träumer, Romantiker und Phantasten herauskamen. Eben wir heutigen Männer.

Wie ging es mit Johnny Silvers Karriere weiter?

Ich habe als Johnny Silver in einer Band, die unbeholfen war, die laienhaft war und wo verschiedene Richtungen und Elemente zusammengekommen sind, gespielt. Nur ein gemeinsamer Name einte uns. Es gab keine Vorgabe, keinen Chef, der eine Richtung vorgab. Es entstand ganz natürlich etwas Neues, das, was heute Produzenten mir Gewalt zu erzielen suchen. Wir spielten zwar Rock'n Roll, aber es war doch etwas anderes, neuartiges, fast fremdes. Ein neuer Sound, ein Neuklang, der durch Zufall entstand, den man nicht erfinden hätte können. So wie man einen James Dean nicht erfinden hätte können. Oder Mink De Ville. Das war die Fortsetzung einer Tradition und gleichzeitig die Erfindung von etwas Neuem. Oder Django Reinhards als die Fortsetzung des Gitarrenspiels mit anderen Mitteln bzw. verkrüppelten Fingern. Das dahinter stehende Prinzip: Der Außenseiter, der zum Propheten wurde. Der Stein des Anstoßes, der zum Eckstein wurde. Wie die Steel Drum, das einzige im zwanzigsten Jahrhundert erfundene Instrument, gezogen aus dem Abfall unseres Treibstoffes. Das ist groß! Oder die Erfinder des Punk, wie der Dr. Frankenstein der Popkultur Malcolm Mac Laren, nach dem Motto: Ich mache aus gesellschaftlichem Dreck eine Kunstrichtung, gebe Künstlern Namen wie Johnny Rotten, schmutziger Johnny, oder Sid Vicious, verdorbener Sid, und erschaffe so die Musiker der „Sex Pistols". Und der erste Hit heißt dementsprechend „Anarchy in the UK". Das ist Hype, da wird etwas erfunden. Aber die echte Neuerung, die klingt nur einmal kurz auf, die passiert nicht oft, und wenn, kann man sie nicht beliebig wiederholen, sie ist nicht verkaufbar, ist nicht glatt, hat nicht die nötige Oberflächenstruktur für die Windschlüpfrigkeit des geschäftlichen Erfolges. Sie fährt langsam, hat Form, Inhalt und Struktur und dadurch Persönlichkeit. Man findet sie entweder bei intensiver Feldforschung in der Musik, oder man ist so hellsichtig, dass man sie auf einer Alm, bei einem Zeltfest oder einer Hochzeit oder irgendwo auf einer Kellerbühne oder einem Dachboden entdeckt. Das Wahre und das Echte. Und wahrscheinlich war „Johnny Silver and his Clappers" ein solches kurzes Aufflammen, wo man etwas Echtes gehört hat. Es war nicht perfekt, es war fremd, rau - und doch bekannt. Und es gab den Wiedererkennungseffekt. Ein bisschen maskiert auf alt, aber doch komprimierter Zeitgeist. So wie ich selbst. Und das war und ist auch James Dean für mich. Damals habe ich mir einen Haarschneideapparat gekauft, der im Fernsehen angepriesen wurde. Ich fuhr mir durch die Haare, will mir ein James Dean-Frisur machen, und als ich fertig bin, sehe ich aus wie Johnny Silver als Johnny Rotten ...

... darf ich kurz das Thema Haar anschneiden: Johannes Silberschneider war und ist auch immer „der mit der tollen Frisur". Wie ist das Verhältnis zu Deiner Frisur?

Das Kopfhaar des Menschen ist die Stelle, wo die Person am engsten zusammenläuft. In allen Kulturen gilt das Haar als Spiegel des seelischen und körperlichen Zustandes eines Menschen, gilt seine Spannkraft als Barometer für die vitale Spannkraft seines Trägers. Was die moderne Medizin auf naturwissenschaftlicher Grundlage entdeckte, hat ja der mythische Mensch immer schon erahnt und in seinen Ritualen zum Ausdruck gebracht. So wie Kleider Leute machen, so zeigt die Frisur die Persönlichkeit eines Menschen. Deshalb liegt der Friseurberuf zwischen höchster Konzentration und Intimität, ist der Friseur ein Zwischending zwischen Psychiater und Handwerker. Das Couplet des Arthur aus Nestroys "Häuptling Abendwind" ist die geniale Eloge auf diesen Berufsstand:
„Es schmückt mein Haupt kein Kronenschimmer,
Und keinen Szepter schwingt die Hand,
Doch mir beugt jeder Kopf sich immer,
Und wär's ein Herr von höchstem Stand.
Vernimm's respektvoll, schöne Wilde,
Mein Adel stammt von Samson her,
Ich führe einen Kamm im Schilde,
Ich bin Friseur!"
Dort, wo es beim Menschen am engsten zusammengeht, wo er gewissermaßen am dünnsten in seine Umwelt ausläuft bzw. übergeht, dort liegt die Scheitelchakre, dort ist er am sensibelsten. Deshalb haben Mönche seit Jahrtausenden eine Tonsur, um sich von der Welt „abzuschneiden" und nur für Gott zu leben. Und genau dort, am Kopf, liegt auch das Gegenteil, die Revolution, das Aufbegehren gegen die Welt in der Welt. Ob es nun die Beatles waren oder die Punks der 80er. Der Rock&Roll begann unzweifelhaft mit Frisur. Und am Kopf zeigt sich auch die Echtheit eines Menschen und seines Haarschnitts. Deswegen würde ich, wäre ich Friseur, einem Menschen nie die Haare hinten grad rüberschneiden oder die Augenbrauen auszupfen. Die wahrhaft kultivierte Frisur muss auch nach dem Waschen und dem Schlafengehen schnell wieder gut aussehen. Es muss ohne die Scheinwelt von Föhn, Taft & Co. gehen. Aber das ist eben wie mit dem Reisen. Das seelische Erlebnis „Zug" oder das sterile Reagenzglas „Autobahn". Hier ist unsere Kultur am Scheideweg.

Zurück zu Johnny Silver ...

... ja, als ich mir damals mit dem Apparat durch die Haare gefahren bin, ist was völlig Neues entstanden ... ein Upper Styrian Punk aus dem obersteirischen Industriegebiet zwischen Donawitz und Eisenerz. Entwicklungen und Revivals kommen ja - zumindest in England - meist aus Gebieten mit eisenverarbeitender Industrie, wie zum Beispiel Leeds, Sheffield, Newcastle. So auch die Erfindung des Northern Soul, was typisch ist für den englischen Kunstsinn auch im Arbeitermilieu, aus Ermangelung ist hier eine eigene Kultur entstanden, nämlich dadurch, dass die großen Soulfirmen keinen Vertrieb in England hatten. Daher flogen die Disc-Jockeys, die dort aufgelegt haben, alle halben Jahre nach Amerika und haben im Ausverkauf die billigen Platten erworben und zuhause aufgelegt. Dadurch wurden Sänger und Titel in England zu Hits, die in Amerika nicht einmal ein Randdasein fristen konnten oder nach kurzer Zeit in Vergessenheit geraten waren. In England wurden das Stars bis zum heutigen Tag, die wahren Künstler der Soulmusik. Sie alle haben sich nicht verkauft, sondern wurden als Außenseiter zu Stars im kleinen Kreis einer proletarischen Subkultur. Leute wie Chuck Jackson oder Tommy Hunt. Und „Johnny Silver and his Clappers" und später „Johnny Silver and the Roustabouts" waren so etwas wie Außenseiter, die von woanders hergekommen sind und in einem Industriegebiet Leute unter ein Dach gebracht und unterhalten haben. Eigentlich haben wir ihnen eine Vision abgeliefert von „Rock Dreams", wir haben so getan, als wäre das alles große, weite Welt. Wir haben ihnen eine Kleinform vom Echten vorgelebt und so getan, als wären wir groß - und auf einmal waren wir es auch! - miteinander, wir und das Publikum, wenn auch nur für kurze Zeit. Das alles funktioniert ja nur miteinander, dann, wenn es zu einem Austausch kommt. Jemand steht oben auf der Bühne, unten sitzt jemand mit Erwartungshaltung. Der Idealfall des Theaters. Das Mysterium des Theaters, diese großartige Erfindung der Griechen, funktioniert nur, wenn es eine Bühne gibt. Ein Theater auf gleicher Höhe mit dem Zuseher funktioniert nicht, weil es kein Theater mehr ist. Und wenn die Bühne nur fünf Zentimeter hoch ist, ist das schon etwas anderes. Und das Genialste überhaupt war wohl das griechische Amphitheater mit dem Publikum oben und der Bühne unten. Auf der einen Seite Leute, die etwas aufgestaut hatten und los werden wollten, auf der anderen Seite ganze Reihen von Menschen mit Erwartungen. Und zwischen beiden floss ein katalytischer Strom. Das ist der Optimalfall des Theaters: Das Aufeinanderprallen dieser Haltungen und der dadurch entstehende produktive Konflikt. Ich glaube, dass die Erfindung des Amphitheaters die Erfindung der Psychoanalyse ist. Theater hat immer analytische Funktion. Da geschieht Selbsterkenntnis, da geschieht Heilung. Diese Wahrheit ist im 20. Jahrhundert völlig verkannt worden. Mit der Analyse Freuds und ihrem materialistischen Weltbild ist auch das Theater gekippt und hat seine wahre Dimension verloren.
Jedenfalls war der Eisenerzer Bandbewerb, bei dem wir damals angetreten sind, wie das Apollo-Theater in New York, die Kaderschmiede der schwarzen Sänger: Wer dort die ersten drei Minuten ohne Buhrufe überlebte, der hatte es geschafft. Solche Vehikel wie der Boxsport oder eben Rock&Roll waren für die Schwarzen damals das Einzige, um aus Harlem rauszukommen. Und auch der Weg aus Eisenerz heraus konnte nicht gleich über die Kunstform des Theaters führen, das war zu hoch. Es brauchte ein gröberes Vehikel, um sich über den Präbichl hinwegzukatapultieren. Und so katapultierte ich mich mir Rock&Roll nach Graz zum Finale des Bandwettbewerbs - leicht genug war ich ja.
Aber auch emotional hat mich die Musik des Rock&Roll auch vielmehr wachgerüttelt, viel höher katapultiert als beispielsweise irgendein Stück von Curt Goetz, dessen Stücke wir mit der Bühnenspielgruppe an der Schule spielten. Wachgerüttelt haben mich in literarischer Hinsicht nur Qualtinger und Oskar Werner. Obwohl eigentlich auch das Musik war, denn es waren Sprachpartituren. Denn der Mensch wird nie über den Intellekt emotionalisiert, sondern nur über das, was ihn im Bauch trifft, ob es Sprechgesänge oder Instrumententöne sind. Wobei Musik der direkte emotionale Zugang zum Bauch ist, das Theater hingegen hat immer Schaltmechanismen, die zuerst über das Hirn gehen. Deshalb beeinflusst ja Schlager die Massen so sehr. Es geht um Sehnsüchte, die im Bauchraum sitzen. Später am Theater habe ich kaum jemals wieder das erlebt, was ich mit der Musik erlebt habe und von ihr zurückbekommen habe. Denn die Musik ist verschlüsseltes Gefühl. Sie beschenkt dich, wie es keine andere Form des menschlichen Ausdrucks kann. Ich habe die großen Momente der Ekstase auf der Bühne nur zweimal erfahren: Als Johnny Silver und viele Jahre später als Edmund Kean. Als Dean und als Kean, könnte man sagen. Ohne Johnny Silver wäre ich nie zum Schauspieler geworden, und ohne Shakespeare, dessen Figuren der historische Edmund Kean ja verkörperte, hätte ich das Theater nie verstanden.
Dieses ekstatische Verschmelzen mit einer Figur, die ich danach nur mehr als Kean erlebt habe, das ist natürlich auch das Gefährliche, weil man sich in ekstatischen Auflösungen verirren und verlieren kann. Man muss sich anschließend ja wieder zusammensetzen, sich innerlich wieder aufräumen. Denn Bühne ist Chaos, Seele aber braucht Ordnung. Deshalb enden auch viele Schauspieler- und Dichterleben so tragisch. Man muss sich immer wieder zudecken und unter der Decke im Verborgenen sich wieder ordnen, Angriff und Rückzug. Deshalb habe ich das Kostüm Johnny Silver auch wieder abgelegt, denn hätte ich es weiter betrieben, hätte ich mich aufgerieben und wäre außerdem in falschen Händen gelandet, denn die damaligen Produzenten hätten nicht verstanden, was ich da gemacht habe. Es ist besser in schöner Erinnerung zu bleiben, als zum sozialen Plattfuß zu werden. Denn das musikalische Genie eines Elvis Costello habe ich nie besessen .. diese alte Seele im neuen Gewand ... eben Brit-Pop, die Musik klingt wie Trash, wie Abfall, und die Texte sind hohe Poesie und Literatur. Man denke an Raymond Douglas Davies von den „Kings". Darum neigen auch gerade die Engländer zum Dandyismus, zur Verkleidung der alten griechischen Seele und Philosophie in einem neuen, lauten Gewande, um es wieder unter die Leute zu bringen. Sie verkaufen alte Wahrheiten im neuen Gewande und versehen es mit ihrem Produktstempel. Deshalb waren sie ja die Handelsnation Nr. 1 und die Beherrscher der Weltmeere. Als der Rock&Roll in den USA tot war, wahrscheinlich aus rassistischen Gründen, haben die Engländer das aufgenommen, verinnerlicht, weiterentwickelt, kultiviert und nach Amerika als Bombe zurück geschossen, und das war dann die „British Invasion" in den US-Hitparaden, wo plötzlich in den Top Ten sieben Engländer vertreten waren und die ersten vier Plätze von den Beatles besetzt waren.
Und ich liebe England, ich bin anglophil. Und auch Edmund Kean war britisch. Auch er war eine Invasion. Österreich und GB waren beide Weltmächte, beide sind auf ein Nichts geschrumpft. Nur der Humor, der uns beiden geblieben ist, konnten wir das verarbeiten. Ohne das wären wir heute wirklich tote Nationen. Diese einmalige Art, mit Niederlagen umzugehen und uns trotzdem weiterzukultivieren, aber auch zu stilisieren, vereint uns beide. Und dieses hohe Los vereint uns miteinander. So ist das mit England und Österreich (lacht). Herzmanovsky-Orlando beweist, dass Österreich mit seinem Doppeladler der eigentliche Erbe Griechenlands ist. Im „Maskenspiel der Genien" wird dies durch die skurrile Situation geschildert, wie in der Nähe von Leoben alle internationalen Reisezüge wie durch einen seltsamen, geheinmisvollen Abschuppungsprozess den Speisewagen verlieren. Und jedem Zug, der es über Leoben hinaus schafft, blickt der Fahrdienstleiter lange nach, setzt sich dann in sein ledernes Bahnwärtersofa und spricht melancholisch die Worte: „Ja, ja schon wieder einer ..." Und genau dieser Anspruch auf das griechische Erbe wird auch von den Engländern gestellt. Der Österreicher wie der Engländer glaubt, die Kultur gepachtet zu haben. Ich erinnere mich an die Dreharbeiten zu „Anne Frank" von Robert Dornhelm, wo ich Ben Kingsley begegnet bin. Dieser Mann hat alle Marotten eines englischen Sirs, alle Genialität eines großen englischen Schauspielers, er ist das Zwitterwesen eines indischen Vaters und einer englischen Mutter, und auch er hat das Kleine-Mann-Syndrom eines Freddy Quinn, der immer hohe Absätze getragen hat, und eines Paul Simon.

Wie sieht das „Kleine-Mann-Syndrom" aus?

Das heißt, dass man ständig bemüht ist, mangelnde körperliche Größe durch Kulturleistung zu kompensieren. Im besten Fall auch durch echte Genialität. Natürlich plustern sich solche Menschen ungeheuer auf, obwohl das aufgrund ihrer Fähigkeiten gar nicht nötig wäre. Denn im Film sieht man nicht, wie groß jemand wirklich ist. Da braucht man sich nicht aufzublasen, der Film ist bereits das Medium. Der Film ist die Heilung. Die Linse formatiert einen auf das rechte Maß, so wie einen die Beleuchtung ins rechte Licht rückt. Die Heilung ist bereits erfolgt, man braucht nicht mehr die Krücke der Aufgeplustertheit. Da kann man das private Podest ruhig zu Hause lassen. Alles andere ist doppelt gemoppelt und wirkt nur lächerlich. So als ob man unter das Bild eines wunderschönen Baums die Worte „Wunderschöner Baum" als Bildtext darunter setzt.
Vorgestern sah ich ein Konzert mit Mischa Maisky. Er erinnerte mich an meinen ehemaligen ostdeutschen Nachbarn gepaart mit Sammy Molcho und André Heller, wie er in den 70igern aussah, und er spielte dem Publikum einen Virtuosen vor, was völlig unnötig war, weil dieser Mann ein Virtuose ist. Durch dieses übertriebene Gehabe wirkte er wie eine Karikatur von Wilhelm Busch mit dem Titel „Der Virtuose." Das bestätigte sich, als er zum Abschluss Bach spielte, wo er keinerlei Attitüde zeigte, und so war es perfekt. Dasselbe war mit Dalí der Fall. Ein großer Maler, der es gar nicht notwendig gehabt hätte, sich so aufzuführen und seinen Eltern in die Tischlade zu scheißen. Wahrscheinlich hat die Mutter zu wenig oft in den Kinderwagen geschaut. Und das habe ich mir auch bei Kingsley gedacht. Immer wieder brach bei ihm diese Marotte durch. Doch zwischendurch führte ich wunderbare Gespräche mit ihm, wir entdeckten unsere gemeinsame Vorliebe für Celia Johnson, die großartige Darstellerin an der Seite von Trevor Howard in dem Film „Brief encounter" von David Lean, und es stellte sich heraus, dass Kingsley ein großer Fan des legendären Curt Bois ist, dem Taschendieb aus der Anfangsszene von „Casablanca", mit dem man mich seltsamerweise immer wieder verglichen hat.

 

 

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