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Fetish 69

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Bandgeschichte

 

1988 - 2003

Graz

Astrid Kleber: Bass
Christian Fuchs: Gesang
Christoph Baumgartner: Bass
Gerald Trummer: Keyboards, Sounds
Kim Pil Jung: Keyboard
Martin Nestl: Schlagzeug
Rainer Binder Krieglstein: Schlagzeug
Robert Lepenik: Gitarre


Bandinfo Stand 2003

Es soll ja noch immer Leute geben, die Österreich und seine Musikszene automatisch mit notorischer Gemütlichkeit verbinden. Dabei existierte im elektronischen Underground der Alpenrepublik stets ein Leben abseits des Lounge-Biedermeier. Und nach Jahren geschmäcklerischer Coffeetable-Beats sind Sounds mit schroffen Ecken und scharfen Kanten mehr denn je im Kommen.

Der richtige Zeitpunkt für die Rückkehr einer Band, die sich von den gängigen Faserschmeichler-Routen stets ferngehalten halt. Und deren Österreich-Bild, weit weg von Kaffeehaus-Idyllen, eher an die verstörenden Filme von Michael Haneke und Ulrich Seidl erinnert.

FETISH 69 sind wieder da.

Seit den Spät-Achtzigern steht der seltsame Gruppenname für eine unheilbare Vorliebe für Durchgebrannte, Außenseiter und Freaks. Dazu brodeln anfangs industrielle Klangteppiche, flackern fiese Videoloops, ringt ein Sänger mit seinen Obsessionen. In den frühen und mittleren Neunzigern steht ein neues FETISH 69-Line-Up dann für weniger Experimente und mehr Rock. Für Singles auf dem renomierten US-Label Amphetamine Reptile, Plattencover von Günter Brus ("Antibody", 1993) und Joe Coleman ("Purge", 1996), Shows mit Melvins, Helmet, Cop Shoot Cop, dem ganzen weltweiten Netzwerk des High Quality-Noise. Für Verzerrungen bis zum Anschlag, bis zum-geht-nicht-mehr.

Als dann wirklich nichts mehr geht, riskieren FETISH 69 alles und wagen eine radikale Neubesinnung. Was auf dem Album "Geek" (1999) bleibt, sind die asozialen Leidenschaften, wenn auch deutlich persönlicher gefärbt. Die Musik aber läßt sich vom Electronica-Sog mitreißen, jazzelt und britzelt und groovt jetzt, anstatt stereotyp zu brettern. Etliche Kooperationen und Remixe von und mit anderen Aliens aus den Zonen zwischen Doom-Dub und Breakbeat-Noise folgen; mit Mick Harris von Scorn, Wordsound-Boss Spectre, Jim Plotkin, Tribes of Neurot, Mego¹s Pita, um nur einige zu nennen.

Und jetzt kommt "Atomized", das neue FETISH 69-Album.

Die musikalische Vision diesmal: die Band-Geschichte mit all ihren Brüchen zusammenzufassen. Sowie die aktuellen Faszinationen und Unternehmungen der Mitglieder, im Niemandsland von Festplatte und Proberaum zu verschmelzen. Die schmooven und dennoch kratzigen Sleazy Listening-Tracks von Binder & Krieglstein etwa, dem Soloprojekt von Drummer Rainer. Das originäre Universum von Gitarrist Robert Lepenik, einem Improvisations-Pionier, der heute zu den Köpfen des Grazer Elektroniklabels Tonto gehört. Die heftigen Industrial-Attacken von Schlund, der Nebenband von Keyboarder Garfield.
Schließlich die Ambitionen von Sänger/Mastermind Christian "Fetish" Fuchs, die eigene, brüllende Vergangenheit mit dem fragilen Downtempo-Pop seines sidesteps Toxic Lounge zu exorzieren.

Als Ergebnis dieser unterschiedlichen Zugänge atmet "Atomized" eine Idee von Rock ('n' Roll) und pulsiert gleichzeitig im Geiste dessen, was zwischen Wien und Graz in avancierten Electronic-Bars läuft. Und dann sind da noch die Gäste. Erneut legt Weilheim-Legende Mario Thaler (The Notwist, Lali Puna), mit dem FETISH 69 bereits "Geek" abmischten, bei zentralen Tracks Hand ans Mischpult. Bei "Cocoon" etwa, einer feingesponnenen Noir-Ballade mit David Lynch-Gütesiegel. Mit Wolfgang Frisch von den Wiener Dub-Innovateuren Sofa Surfers entstand "Detox", ein apokalyptischer Monstertrack mit DJ Shadow-Sensibilitäten.

Inhaltlich richtet sich der typisch ungesunde Blick von FETISH 69 auf die dysfunktionalen Vorhöllen unserer Copy & Paste-Gegenwart. Angefixt von Baudrillard und Houellebecq, Warren Ellis, Doug Aitken, David Fincher oder Chuck Palahniuk, gelingt der Band mit "Atomized" ein Soundtrack zu (v)erbitterten Mittelklasse-Ausbruchsversuchen. Nicht zufällig findet sich deswegen "We are all prostitutes" von den legendären Funk-Punks The Pop Group als Coverversion am Ende des Albums. "Department stores are our new cathedrals", bekeifte Sänger Mark Stewart darin schon anno 1979 die ganz normale Vakuum-Existenz zwischen Shopping Center und Swingers Club. Ein Leben, das auch der eingangs erwähnte Wiener Meisterregisseur Ulrich Seidl im Sozialschocker "Hundstage" unter die Lupe nimmt. "Auf dem Weg in den politischen und in den Untergang des Subjekts ist Österreich dem Rest Europas um ein kleines, aber vielleicht entscheidendes Schritterl voran", notiert Georg Seeßlen zu diesem Film.

 

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